Dienstag, 28. Dezember 2021

Richard Kaufmann: Landreisen

Reisen ohne Ziel

Ich bin schon als Kind gerne verreist: Auf dem Rücksitz des Geschäftswagens meines Großvaters oder zusammen mit der Oma im Abteilwagen des TEE. Da konnte man der Landschaft beim Vorbeiziehen zuschauen. Wenn es doch mal langweilig wurde, wurde gespielt oder gelesen: Kinderbücher und das Lustige Taschenbuch. Zumindest im Zug. Im Auto ist mir beim Lesen immer schlecht geworden. Später sind wir dann auch geflogen. Das war ein Abenteuer! Die Piloten galten in ihren schmucken Uniformen noch als Superstars der Lüfte, die Stewardessen waren so etwas wie Supermodels, nur näher. Da habe ich mir schon als Sechsjähriger die Augen aus dem Kopf gestaunt, so schön waren die. 

Mit zunehmender Häufigkeit des Fliegens nahm die Größe der überbrückten Entfernungen zu und seine Faszination ab. Waren es zunächst nur kleine Hüpfer von Düsseldorf nach Zürich - man landete immerhin in der gleichen Klima- und Zeitzone, in der man auch gestartet war - so wurden es später größere Sprünge nach London, Athen oder Istanbul, nach Neapel, Amman oder nach Reykjavik. Mit zunehmender Entfernung der Ziele störte mich mehr und mehr, dass der Körper nach der Landung zwar angekommen, die Seele aber noch Zuhause war. In Arecife noch darüber nachzudenken, ob man in Zwickau der Herd ausgemacht hat, oder in Amman, ob man den Katzen in Remagen zum Abschied noch eine Dose Futter hingestellt hat, fühlt sich merkwürdig an und stört das Erkunden bisher unbekannter Kulturen und Landschaften. Es geht einfach zu schnell mit dem Flieger. 

So waren meine aufregendsten Reisen (gemeint sind jetzt die Bewegungen zum Reiseziel hin oder vom Reiseziel wieder zu einem vorher angepeilten Fixpunkt) immer die, bei denen mir die eigentliche Fahrt die Zeit gelassen hat, mich zu akklimatisieren und mich auf das Reiseziel einzustellen (bzw. davon Abschied zu nehmen). In meinem Kopf sehe ich mich mit einem Freund zusammen in das damals noch eingemauerte Berlin reisen. Im Winter und per Anhalter. Das war eine Reise! Da haben wir alleine auf der Hinfahrt mehr Leute kennengelernt und Abenteuer überstanden, als manche Menschen während einer vierwöchigen Kreuzfahrt. Unvergessen auch die Busreise von Athen zu einer Kleinstadt auf der Pelepones: Wir sind einfach morgens am Busbahnhof aufgeschlagen, und haben den ersten Bus genommen, für den wir noch drei Karten ergattern konnten. Ausgestiegen sind wir jeweils an der Endhaltestelle. Dort haben wir uns ein Zimmer gesucht und einen oder zwei Tage verbracht. Dann ging es wieder weiter mit dem Bus, kreuz und quer über die Halbinsel. So habe wir für eine kurze Entfernung fast 14 Tage benötigt, aber was für eine Reise!

Geflogen bin ich dann privat zunehmend widerwillig und schließlich überhaupt nicht mehr. Vor ein paar Jahren musste ich noch einmal aus dienstlichen Gründen nach Barcelona fliegen, aber das hat alle meine Vorurteile bestätigt und sogar noch verstärkt. Ich werde nie wieder fliegen. Schon aus ökologischen Gründen.

Viele meiner KollegInnen werden nach ihrer Pensionierung zu Weltenbummlern. Endlich können Reiseangebote außerhalb der hochpreisigen Schulferien gebucht werden, endlich kann man die Sehnsuchtsorte besuchen, die einem bisher schlicht zu teuer waren. Und auch mich juckt es, nach dem Eintritt in den Ruhestand noch ein paar Orte zu besuchen und Routen zu absolvieren, die ich immer schon sehen oder wiedersehen wollte. Mein geliebtes Berlin zum Beispiel habe ich das letzte Mal vier Wochen vor dem Mauerfall besucht und dann sträflich vernachlässigt. Nach Hamburg zieht es mich. Nach Rom oder Wien. Und warum nicht einfach mal nach Düsseldorf? Die Schauinsland-Straße hinter Freiburg soll einmal die Reifen meines Moppeds schmecken. Die alte Gotthard-Passstraße ruft nach mir. Am Freddie-Mercury-Denkmal in Montreux möchte ich einen Blumenstrauß hinterlassen. Das Ahrtal wiedersehen - meine alte Heimat. 

Und genau da setzt das Buch von Herrn Kaufmann an: Es ist ein flammendes Plädoyer für das Reisen ohne Flugzeug und Zeitdruck. Für eine Art zu Reisen, bei der die Strecke genau so wichtig ist, wie der Aufenthalt am Ende der Strecke. Vielleicht sogar noch wichtiger. Es ist wunderschön geschrieben - der Mann kann mit Sprache umgehen - und sehr persönlich. Es ist kein Reiseführer, aber es führt einen wieder an eine Art des Reisens heran, die den Namen verdient.


Ein tolles Buch! Unbedingt lesen und zwar sofort!

Donnerstag, 18. November 2021

Dr. med. Carola Holzner: Eine für alle

Als Notärztin zwischen Hoffnung und Wirklichkeit

Da steht sie auf dem Buchcover: Im grünen Arbeitskittel der Ärzte und den klaren Blick auf die Kamera gerichtet, ein Stethoskop als Attribut ihrer Zunft lässig um den Hals geschlungen, die tätowierten Arme entschlossen vor dem Oberkörper verschränkt. Ein Bild, dass man so auch auf Instagram oder einem anderen Social Media-Kanal veröffentlichen könnte. Und das ist kein Zufall: Dr. Holzner veröffentlicht seit einiger Zeit kurze Videoclips aus dem Alltag einer Notärztin. So wurde sie als "Doc Caro" bekannt und erreichte eine erstaunliche Reichweite. 

Erstaunlich?

Wenn man bedenkt, welch direkte Sprache sie für ihre sehr klaren Botschaften verwendet, dann ist das in der Tat erstaunlich. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und nutzt ihre Reichweite, um uns die unbequeme Wahrheit um die Ohren zu hauen: "Mach mit deinem Körper dieses und jenes, dann hat das Folgen, und die sehen so und so aus. Nicht "vielleicht", sondern "ganz sicher". Und am Ende landest du bei mir im Notarztwagen, und das hat unappetitliche Konsequenzen. Dann muss ich nämlich folgendes mit deinem Körper machen..." Manchmal braucht es einfach klare Worte.

In ihrem Buch lässt sie aber auch die menschliche Seite ihres Tuns nicht aus. Sie schildert in berührender Weise, was das mit dem Menschen Carola Holzner macht, wenn sie einen Patienten verliert. Oder wenn sie andere Missstände bemerkt, gegen die sie letzten Endes nichts ausrichten kann. 

Nur so viel: Ich musste mir mehrfach beim Lesen dieses Buchs feuchte Augen verkneifen, fühlte mich auch ertappt und habe prompt alte Gewohnheiten über Bord geworfen. 

Ein gutes und wichtiges Buch! Lesen!

Sonntag, 24. Oktober 2021

Jean-Yves Ferri, Didier Conrad: Asterix und der Greif

In diesem 39. Abenteuer unserer Gallischen Helden wird's exotisch. Nachdem in den vergangenen 38 Bänden bereits die ganze bekannte Welt der Antike (und noch etwas mehr) abgeklappert wurde, geht es jetzt ganz weit in die Steppen Mittelasiens. Dort lebte das Volk der Sarmaten, über die man heute fast keine gesicherten Erkenntnisse besitzt. Das eröffnet Raum für phantastische Spekulationen. 

So schicken sie in dieser Geschichte, den Amazonen gleich, ihre Frauen in den Kampf und die Männer hüten derweil die Kinder und das Haus. Allein diese bemerkenswerte gesellschaftliche Konstellation ist schon für sich genommen Stoff für so manch komische Situation, doch auch die...
Augenblick mal! Das Heft hat ja nur 48 Seiten, ich erzähle hier also die Handlung nicht an.

Der Asterix-Stern ist noch nicht erloschen, er leuchtet vielmehr wieder etwas heller. Das neue Autorengespann arbeitet, obwohl durch den Atlantik getrennt, Hand in Hand zusammen. Es entsteht eine stimmige Handlung aus dem Asterix-Universum. Lieb gewordene Stereotypen werden weitergesponnen, neue entwickelt. Auch auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen wird, wie immer mit ironischem Augenzwinkern, gerne geschossen. Monsieur Conrad zeichnet ganz im Stil der Erfinder der Reihe, doch scheinen mir seine Entwürfe durch ungewohnte Perspektiven etwas dynamischer zu sein als die Originale. Auch die gezeichneten Landschaften wirken auf mich etwas opulenter und fast plastisch. Es wird ein eigenständiger Zeichenstil erkennbar, ohne dass Conrad zu sehr vom Vorbild abweicht. Mir gefällt das sehr gut.

Sehr zu empfehlen!

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!