Freitag, 4. Juni 2021

Lena Greiner, Carola Padtberg: Verschieben Sie die Deutscharbeit - mein Sohn hat Geburtstag


Von Helikopter-Eltern und Premium-Kids

Die Autorinnen betreiben eine Kolumne zu diesem Thema auf Spiegel-Online und haben in diesem Buch vieles zusammengestellt, was einen Pädagogen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen lässt. 

Und ja: Diese Art Eltern gibt es wirklich. Ich sehe sie täglich, wie sie mit ihren dicken SUVs die Kinder direkt gegenüber der Schultüre in der unübersichtlichen Kurve (im absoluten Halteverbot) aussteigen lassen und damit ihre lieben Kleinen ebenso gefährden wie andere Verkehrsteilnehmer. Sie tragen ihren Kindern die Schulranzen bis ins Klassenzimmer oder sitzen im Schulflur herum und warten auf die nächste Pause, um ihren Schützling den vergessenen Turnbeutel zu bringen. Und dabei ist diese Gattung, nennen sie wir einfach "Transporthubschrauber", noch die harmlosere Variante. Viel anstrengender sind die Kampfhubschrauber: Sie kreisen in der Nähe und stürzen sich auf jeden, der ihren Ablegern vermeintliches Unrecht tut. Niemand ist vor ihren Angriffen sicher: Nicht Mitschüler, nicht deren Eltern und schon gar nicht Lehrer*innen. Egal ob sie eine Note oder eine pädagogische Maßnahme ungerecht finden, stets drohen sie mit dem Anwalt (bzw. sind selber Juristen) oder mit ihren guten Beziehungen zu Politik und Verwaltung. Es wundert nicht, dass solche Kinder oft völlig unzugänglich für unser pädagogisches Handeln sind. Und dann gibt es noch die Rettungshubschrauber, die jede Gefahr von ihren Zöglingen abwenden wollen. Sie gehen beim Wandertag mit, selbstverständlich bewaffnet mit allerlei Lebensmitteln, Getränken und einem Erste-Hilfe-Set. Sie fahren mit auf die Klassenfahrt, kampieren gar im Wohnmobil vor der Jugendherberge, nur für den Fall, dass der liebe Kleine Heimweh bekommt. Und wenn es denn soweit ist, nehmen sie Quartier im Haus und nächtigen neben ihrem Kind. Das waren übrigens alles Beispiele, die ich NICHT dem Buch entnommen habe, sondern meinen eigenen Berufserfahrungen.

Die stetige Zunahme dieses Phänomens ist einer der Gründe, warum ich mit dem Gedanken spiele, vorzeitig aus dem Berufsleben auszusteigen. 

Wer das verstehen will, sollte das Buch lesen.

Samstag, 29. Mai 2021

Line Nagell Ylvisåker: Meine Welt schmilzt


Wie das Klima mein Dorf verwandelt

Was die Journalistin Ylvisåker vorlegt, erhebt nicht den Anspruch, ein wissenschaftliches Werk zu sein. Tatsächlich enthält es sogar kleinere fachliche Fehler. Aber das schmälert aber nicht den hohen Wert dieses Buches. Sie schildert als Beobachterin und Betroffene schlicht, was sie sieht, fühlt, erlebt. In Longyearbyen auf Spitzbergen. 

Sie beschreibt, wie die Häuser ihrer Nachbarn im ursprünglich recht trockenen Longyearbyen von Schneelawinen zerquetscht werden. Sie erzählt von auftauendem Permafrostböden und Bergstürzen, die sich daraus ergeben, dass das Erdreich jetzt eben nicht mehr an Bergflanken festgefroren ist. Sie Berichtet von Eisbären, die durch ihr Dorf streifen, weil die für deren natürliche Ernährung wichtige Eisflächen auf dem Meer verschwinden. Wetterlagen, die es auf der Insel im hohen Norden so noch nie gegeben hat, Fjorde, die im Winter nicht mehr zufrieren, Meeresströmungen, die sich verändern. 

Ein gutes Buch.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Samstag, 22. Mai 2021

René Goscinny, Albert Uderzo: Asterix kütt nohm Kommiss


Ja, Sie haben richtig gelesen. Das Buch trägt tatsächlich diesen Namen. Der Egmont-Verlag ist offensichtlich sehr aufgeschlossen gegenüber mundartlichen Neuübersetzungen der Comic-Klassiker aus Frankreich und hat diese schon in viele deutsche Idiome übertragen lassen. Für die Übersetzung von "Asterix als Legionär" ins Kölsche zeichnet die Kölner Journalistin Vera Kettenbach verantwortlich. Mitgearbeitet haben außerdem Cornelia Scheel und Hella von Sinnen. Das gelingt mit sehr viel Humor und mit viel Liebe zum (sprachlichen) Detail. Obschon ich die Geschichte natürlich seit meiner Kindheit auswendig kenne, hat mir der Sprachwitz dieser Neufassung so manchen Lacher entlockt.

Für mich ist dieses Buch auch eine Art sprachliche Heimatkunde. Meine Dialektkompetenz ist zwar sehr gering, bin ich doch in einem Hochdeutsch sprechenden Haushalt aufgewachsen, aber die Klangfarbe dieser wunderbare Mundart erinnert mich an Kindheit und Heimat. 

Sehr zu empfehlen.

Lesen, und zwar augenblicklich und unbedingt!