Mittwoch, 29. Mai 2019

Christian von Ditfurth: Labyrinth des Zorns

Stachelmanns fünfter Fall

Stachelmann hat seine Universitätslaufbahn aufgegeben. Das intrigante, korrupte und karrieregierige Gehabe seines ehemaligen Vorgesetzten widert ihn an. Er macht sich als Privatermittler selbständig, wobei ihm seine Recherchefertigkeiten aus der Wissenschaft durchaus behilflich sind. Wie in einem Schwarzweißfilm aus der Schwarzen Serie erhält er seinen ersten Auftrag von einer hinreißend schönen Deutschamerikanerin, die ihren seit Jahrzehnten verschollenen Vater aufspüren lassen will. Und wie in einem klassischen Krimi wird er um einen großenTeil seines Honorars betrogen. Außerdem wird das Leben des Kindes seiner Partnerin bedroht. Stachelmann ist außer sich. Jetzt nimmt er den Fall persönlich.

Eine sehr spannende Fortsetzung der Serie. Nach meinem Dafürhalten war es eine sehr gute Idee, den Protagonisten in ein anderes berufliches Umfeld zu versetzen. So kann er ganz selbstverständlich wieder von einem Kriminalfall in den nächsten stolpern.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Sonntag, 19. Mai 2019

Christian von Ditfurth: Lüge eines Lebens

Stachelmanns vierter Fall

Endlich hat Stachelmann der Berg der Schande abgetragen und seine Habilitation fertig gestellt. Eigentlich könnte er sich jetzt entspannt zurücklehnen und auf seinen Lehrstuhl warten. Wenn nicht ausgerechnet jetzt auf ihn geschossen würde. Und damit meine ich keineswegs den shitstorm, den der Historiker im Internet wegen seiner noch unveröffentlichten Arbeit über sich ergehen lassen muss. Das wäre schon unangenehm genug. Es wird tatsächlich auf ihn geschossen: Aus großer Entfernung und mit einer großkalibrigen Waffe. Da hat er wohl mit seinem Buch in ein Wespennest gestochen.

Und wieder muss ich es sagen: Die intelligent konstruierten und brillant recherchierten Krimis des Herrn von Ditfurth gehören zum besten, was der deutsche Krimimarkt zur Zeit zu bieten hat. Absoluter Suchtstoff.

Achtung Spoiler:

Dass der Autor am Ende die akademische Karriere seines Protagonisten vernichtet, indem er dessen Mentor zum Täter macht, ist ein brillanter dramaturgischer Kniff. Ich hatte mich schon gefragt, wie viele Möglichkeiten Herrn von Ditfurth noch einfallen werden, einen Historiker an einem Universitätsinstitut glaubhaft in einen Kriminalfall zu verwickeln. Das ist jetzt vorbei und man darf gespannt sein, wie es weitergeht.

Spoiler Ende.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Samstag, 18. Mai 2019

Ralf König: Stehaufmännchen

Wir befinden uns mitten in Afrika. Ein Touristenpärchen hat sich verlaufen und sucht jetzt den Weg in die Hotelanlage ihrer Pauschalreise. Zufällig geraten sie an eine Horde Affen, die gerade ein Theaterstück aufführt. Es handelt vom Aufstieg eines der ihren vor 6 Millionen Jahren. Vom Homo sapiens.

Wie immer kritisch nimmt Ralf König die eigene Spezies unter die Lupe. Das eine oder andere Augenzwinkern ist auch mit dabei, sodass man sich beim Lesen dieses Comics bestens unterhalten fühlen darf. Nur am Ende wird es wieder so realistisch und damit melancholisch, als habe einen bei der Lektüre die Wirklichkeit eingeholt.

Lesen, und zwar unbedingt und augenblicklich.

Sonntag, 12. Mai 2019

Michael Geiger (Hrsg.): Die Landschaften der Pfalz entdecken

Geo-Touren für Familien

Ohne es explizit so zu nennen legt Herr Geiger hier ein geologisches Lehrbuch der Pfalz vor. Dass man auf dieser Basis interessante Ausflüge unternehmen kann, versteht sich fast von selbst. Deshalb machen er und seine Mit-Autoren auch zahlreiche Vorschläge für Tagestouren und erläutern reich bebildert deren geologischen Hintergrund.

Unbedingt lesen!

Samstag, 11. Mai 2019

Axel Rehe, Klaus Hünerfauth: Wasserkraft am Kaltenbrunnerbach

Ein historischer Abriss

Dieses reich bebilderte Buch aus einer Schriftenreihe des Historischen Vereins der Pfalz ist nicht als Unterhaltungslektüre gedacht. Es ist vielmehr eine umfassende Dokumentation der Industriebetriebe, die sich wegen der nutzbaren Wasserkraft im Kaltenbrunner Tal angesiedelt haben. Wasserbauliche Maßnahmen, Bebauung, sonstige Infrastruktur: alles ist, sofern bekannt, sorgfältig aufgelistet und mit Fotos und Karten illustriert.

Für einen historisch interessierten Geographen wie mich ein gefundenes Fressen, deshalb alle verfügbaren Daumen nach oben!

Freitag, 10. Mai 2019

Harald Hartusch: Mystery - Die großen Mythen der Pfalz

Das im M + H Verlag in der Reihe "Edition BONJOUR DEUTSCHLAND" erschienene Themenheft überzeugt zunächst durch seine wertige Aufmachung: Hochglanzdruck, wunderschöne Fotos aus meiner Wahlheimat und edles Layout ergeben ein optisches Gesamtbild, das sich sehen lasen kann. Der Inhalt besteht aus kleinen, abgeschlossenen Kapiteln über Sagen und sagenhaftes aus der Pfalz.

Zu jedem der unterhaltsam und informativ geschriebenen Geschichten gesellt sich noch ein "Entdecker-Guide", also eine kurze und präzise Zusammenstellung aller Informationen, die man für einen Besuch der Lokalität benötigt. Was oft vergessen wird fehlt hier nicht: Eine Adresse, die man ins Navi des Autos oder des Motorrads eingeben kann.

Auch dieses Heft werde ich zunächst nicht in den Bücherschrank stellen, sondern es den kommenden Sommer über im Koffer meines Motorrads deponieren. Die hier beschriebenen Ausflugsziele möchte ich mir auf jeden Fall anschauen!

Meine persönliche Empfehlung für jeden Pfalz-Reisenden.

Greta Thunberg, Svante Thunberg, Beata Ernman, Malena Ernman: Szenen aus dem Herzen

Unser Leben für das Klima

Mit ihrem Sperrholzschild "Schulstreik für das Klima" wurde die sechzehnjährige Greta Thunberg nicht nur weltbekannt, sie gab auch den Anstoß für eine Massenbewegung, deren sich entwickelnde Eigendynamik das Zeug hat, selbst die Friedensbewegung der frühen 80er Jahre noch zu übertreffen. 
So weit - so gut.

Doch was treibt das Schulmädchen an? Warum ist sie so fokussiert und so wenig Kompromissbereit? Wie denkt sie? Es wird darüber viel spekuliert. Jeder Nachrichteninteressierte glaubt auf einmal, Expertenansichten über das Asperger-Syndrom absondern zu dürfen, um die oben skizzierten Fragen damit zu beantworten. Doch so einfach ist das nicht. 

Deshalb hat die Familie von Greta sich entschlossen, dieses Buch zu schreiben. Und das sollte man wenigstens gelesen haben, bevor man sich über die kluge und mutige junge Frau das Maul zerreißt. Und zwar pronto!

Montag, 6. Mai 2019

Thomas Hüetlin: Udo

Das Leben von Udo Lindenberg gleicht einer Achterbahn. In einfachsten Verhältnissen aufgewachsen trommelt er sich zunächst in die Herzen der Jazz-Fangemeinde. Dann wird er mit dem Singen deutscher Texte zu harter Rockmusik unglaublich erfolgreich, um dann wieder und wieder abzustürzen, sich wieder aufzurappeln nur um dann erneut abzustürzen. Alkohol ist immer im Spiel, mal mehr und mal noch mehr. Dieser Mann ist ein Phänomen und es grenzt an ein Wunder, dass er noch immer lebt und noch immer aktiv Musik macht. Danke Udo Lindenberg für die Musik und danke Thomas Hüetlin für diese spannende Biographie.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Freitag, 3. Mai 2019

Gayle Tufts: American Woman

How I lost my Heimat and found my Zuhause

Die amerikanische Entertainerin, Sängerin und Tänzerin lebt und arbeitet seit den späten 80er Jahren in Europa, genauer gesagt in Deutschland. Sie besitzt also einen interkulturell geschärften Blick auf die alte Welt. Dies bringt sie in ihren Bühnenshows unter Anderem mit dem von ihr hoffähig gemachten Denglish, einer liebevoll gepflegten Kunstsprache aus Deutsch und amerikanischem Englisch, zum Ausdruck. Oft thematisiert sie, wie merkwürdig fremd Europa aus der Perspektive einer amerikanischen Staatsbürgerin erscheint.

Für dieses Buch dreht sie den Spieß um: Kurz nach der Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten bereist sie ihre alte Heimat und merkt, wie fremd ihr diese inzwischen geworden ist. Amerika hat sich sehr verändert in den letzten Jahren. In einem Satz: "What the fuck is going on here?" Kopfschüttelnd bemerkt sie, wie europäisch, wie deutsch ihr Blick inzwischen geworden ist. Trotzdem unterlässt sie es nicht, mir ein paar meiner Vorurteile gegenüber Amerikanern zu nehmen. Wäre ja auch schade, wenn ein Land von kontinentalen Dimensionen ausschließlich von Hohlköpfen bewohnt wäre.

Konsequenterweise ist Frau Tufts inzwischen im Besitz eines deutschen Passes.
Willkommen Zuhause!

Unbedingt lesen!

Mittwoch, 1. Mai 2019

Dunja Hayali: Is' was dog?

Mein Leben mit Hund und Haaren

Eigentlich wollte sie immer einen Hund haben, aber andererseits war nie der richtige Zeitpunkt. Doch irgendwann erwischte es sie, und seitdem lebt sie ein Leben zwischen haarigen und verschlammten Sitzmöbeln auf der einen und Gummihühnern an langen Leinen auf der anderen Seite. Pansenkeksen werden ebenso selbstverständlicher Teil ihres Alltags wie mit unaussprechlichen Dingen verschmutzer Fußboden in der eigenen Wohnung. Und das ist egal! Mit einem Hund handelt man sich ganz sicher viele unerfreuliche Dinge ein, das eigene Leben wird völlig auf den Kopf gestellt. Aber das machen die Vierbeiner mit viel mehr Erfreulichem wieder wett, und zwar vielfach: Man ist viel an der frischen Luft und bewegt sich, Langeweile gehört der Vergangenheit an und man ist garantiert eines nie wieder: einsam.

Und ich denke gerade ernsthaft darüber nach, mir einen Hund anzuschaffen.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Freitag, 26. April 2019

Cixin Liu: Jenseits der Zeit

Endlich erfahre ich, wie es weitergeht - der dritte Teil der Trisolaris-Trilogie ist da.

Achtung Spoiler
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Nachdem die Bedrohung durch die Trisolarier mittels eines verwegenen Schachzugs beseitigt und die Heimatwelt des Feindes zerstört ist, steht die Menschheit nun einem Gegner von ganz anderer Qualität gegenüber. Glaubte man zunächst, dass das Sonnensystem in seiner Existenz bedroht wird, wird bald klar, dass weit mehr auf dem Spiel steht. Es wird eng für die Menschheit und auch für das Universum.
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Spoiler Ende

Spannung bis zum Nägelabkauen, nerdige Szenarios und interessante gesellschaftliche bzw. naturwissenschaftliche Fiktionen. Wer die ersten beiden Bände der Trilogie gelesen hat, sollte sich das Finale Furioso auf keinen Fall entgehen lassen.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Donnerstag, 11. April 2019

Richard Dawkins: Der entzauberte Regenbogen

Wissenschaft, Aberglaube und die Kraft der Phantasie

Richard Dawkins ist ein streitbarer Geist. Deshalb kennt man ihn vor Allem als leidenschaftlichen Kämpfer für Wissenschaft im Allgemeinen und für die Evolutionstheorie im Besonderen. Ebenso leidenschaftlich bekämpft er Aberglauben und esoterischem Mumpitz jeder Art.

Stellt sich die Frage: Wo bleibt die Faszination? Wo bleibt die Leidenschaft bei dieser Sichtweise?

Er nimmt die Herausforderung an und erklärt Phänomene auf wissenschaftliche Art, dass einem die Nackenhaare zu Berge stehen. Spätestens als er auf geradezu bezaubernde Art und Weise die physikalischen Implikationen eines Regenbogens erläuterte, standen mir die Tränen in den Augen.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Donnerstag, 28. März 2019

Dunja Hayali: Haymatland

Wie wollen wir zusammenleben?

Frau Hayali wird in als Journalistin oft angefeindet. Und in ihrer Eigenschaft als Frau. Und weil sie aus einem Elternhaus mit Migrationshintergrund stammt. In bestimmten Kreisen reicht schon eine dieser Eigenschaften, um sie als rotes Tuch zu betrachten. Wie geht man damit um? Wie fühlt man sich dabei.

Die kluge und besonnene Journalistin versucht, auf diese ziemlich schwierigen Fragen Antworten zu geben. Und diese Antworten sind unbequem. Doch sie sind auch richtig.

Was für eine mutige Frau!

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Sonntag, 24. März 2019

Brandon Q. Morris: Der Riss

Auch in diesem Buch des Autors besteht größte Gefahr. Nicht nur für die Erde wird es gefährlich, gleich das ganze Universum ist in seiner Existenz bedroht.

Was sich zunächst ziemlich an den Haaren herbeigezogen anhört, ist von dem unter einem Pseudonym schreibenden Physiker auf Grundlage der Quantenmechanik bis ins kleinste Detail durchdacht und anschaulich erklärt. Besonders interessant finde ich die Perspektive der künstlichen Intelligenz, die bei der Aufklärung und Lösung des Problems eine gewichtige Rolle spielt.

Der Roman ist spannend geschrieben und man mag ihn nicht mehr aus der Hand legen, ist man in das Universum dieser Geschichte erst einmal eingetaucht.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Montag, 18. März 2019

Bela B Felsenheimer: Scharnow

Was der Herr Felsenheimer uns als Debütroman vorlegt ist schwer zu beschreiben. Geht es um die Liebesgeschichte zwischen Hamid, dem syrischen Flüchtling und Nami, die sich anzieht und schminkt wie eine ihrer geliebten Manga-Figuren und deshalb von allen für eine Punkerin gehalten wird? Ein gut aussehender Pornodarsteller ist auch dabei, dem es Freude bereitet, ganz unscheinbaren Frauen das Abenteuer ihres Lebens zu schenken. Oder geht es um die vier Freunde, die aus hygienischen Gründen ihre Küche zugemauert haben, und eines Tages beschließen, nur mit Papiertüten auf dem Kopf bekleidet einen Supermarkt zu überfallen? Killer haben es auf kleine Hunde abgesehen, ein fliegender Mann greift ein, aber so richtig fassen kann man den Handlungsstrang nicht. Im Grunde genommen besteht der Roman auch aus sehr, sehr vielen, ziemlich abstrusen Handlungssträngen, die Herr Felsenheimer zu einem kunstvollen Geflecht miteinander verbindet. Und immer wenn man glaubt, man hat endlich verstanden, worum es geht, wird es noch einmal absurder. Und immer wieder finden sich kleine, dadaistisch anmutende literarische Perlen. Wie zum Beispiel dieser Halbsatz:
„Für Zeitreisen war es noch zu früh...“

Großartig!

Ganz großes Kopfkino. Unbedingt lesen, und zwar augenblicklich!

Sonntag, 10. März 2019

Sebastian Fitzek: Der Insasse

Till Berghoff betrauert den Tod seines Sohns Max. Dieser wurde vermutlich das Opfer eines psychopathischen Massenmörders. Doch der sitzt inzwischen in der geschlossenen Psychiatrie ein und schweigt sich aus. Till sieht nur eine Chance, mit sich wieder ins Reine zu kommen: Er lässt sich selbst, mit falschem Namen und Legende ausgestattet, in die Psychiatrie einweisen. Er hofft, endlich Klarheit zu erhalten.

Und wieder schafft Herr Fitzek es, mich von Anfang an in seinen Bann zu ziehen. Dieser Psychothriller ist intelligent konstruiert und spannend bis zur letzten Seite.

Lesen, und zwar augenblicklich!

Donnerstag, 28. Februar 2019

Whitley Strieber: Der Kuss des Todes

sowie die Fortsetzung: Der Kuss des Vampirs

Miriam und John Blaylock auf der einen Seite, sowie Sarah Roberts und ihr Mann Tom sind zwei Paare, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.
Sarah und Tom sind zwei junge und hart arbeitende Ärzte an einem New Yorker Forschungskrankenhaus. In der Abteilung für Geriatrie wähnen sie sich kurz vor einem wissenschaftlichen Durchbruch im Zusammenhang mit der inneren Uhr des Alterns. Sie hoffen, dass sich diese innere Uhr, hat man ihre Funktionsweise erst einmal begriffen, manipulieren lässt. Sarah steht deshalb seit der Veröffentlichung ihres Buches über Schlaf und Langlebigkeit durchaus auch im Rampenlicht der Öffentlichkeit.
Miriam und John hingegen sind zwei augenscheinlich blutjunge, überaus wohlhabende Bohemiens die tagsüber mit der halbwüchsigen Nachbarstochter musizieren und nachts das Clubleben genießen. Außerdem sind sie Vampire und ermorden etwa einmal pro Woche zwei Menschen, um sich zu ernähren.

Die Wege der beiden ungleichen Paare kreuzen sich, als John an einer grauenvollen Krankheit zu leiden beginnt. Er findet keinen Schlaf mehr und er altert rapide, ohne jedoch zu sterben. Es scheint fast so, dass die Natur die fast vierhundert Jahre, um die er sie betrogen hat, zurückfordert. Miriam nimmt unter einem Vorwand Kontakt zu Sarah auf in der Hoffnung, mit ihren Forschungsergebnissen John helfen zu können. Sie will um Johns Gesundheit kämpfen, denn zu oft hat sie auf diese Weise schon einen Gefährten verloren.

Auch dies sind zwei Geschichten, mit denen man sich durchaus mehrfach beschäftigen kann. Deshalb habe ich mir die beiden Romane antiquarisch beschafft. Der Kuss des Todes wurde bereits 1983 unter dem Namen „The Hunger“ (deutsch: „Begierde“) mit Catherine Deneuve, Susann Sarandon und David Bowie in den Hauptrollen verfilmt. Für den Regisseur Tony Scott war dies das Spielfilmdebüt, vorher beschäftigte er sich ausschließlich mit Werbefilmen. Entsprechen opulent war die Bildersprache dieses Films, der seitdem in gewissen Kreisen durchaus Kultstatus genießt. Die Handlung kannte ich also schon seit über 35 Jahren. Trotzdem hat es mich interessiert, die Romanvorlage ebenfalls zu lesen. Und ich wurde nicht enttäuscht. Für das Filmdrehbuch waren so umfangreiche Änderungen und Streichungen notwendig gewesen, dass mich der Roman immer noch überraschen und fesseln konnte.

Der Kuss des Vampirs entstand erst rund zwanzig Jahre später. Um nicht Teile der Handlung des ersten Teils zu spoilern, verkneife ich mir hier einen Anriss der Handlung. Nur so viel sei gesagt: Auch dieser Roman ist wieder ein Parforceritt durch die Jahrtausende von Miriams Leben und spannend bis zum Nägelabkauen. Bleibt noch anzumerken, dass dem Verlag beim Herstellen der gedruckten Version wohl einen Computerfehler unterlaufen ist. Mir fiel auf, dass die Handlung einen mehrere Kapitel umfassende Rückblende in den ersten Band enthielt. Mir wäre das, obwohl ich das Buch vor über zehn Jahren schon einmal als Ebook verschlungen habe, eigentlich nicht aufgefallen. Aber ich habe die Bücher aus Versehen in der falsche Reihenfolge gelesen, und deshalb kamen mir im ersten Teil nicht nur mehrere Kapitel sehr vertraut vor, ich habe sogar einen sehr auffälligen Druckfehler wiedererkannt.

Wie dem auch sei: Alle verfügbaren Daumen nach oben, lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Dienstag, 12. Februar 2019

Michelle Obama: Becoming

Meine Geschichte

Was die ehemalige first lady der Vereinigten Staaten von Amerika zu berichten hat ist sehr aufschlussreich und anrührend. Sie erzählt die Geschichte eines Mädchens, das sich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet hat zu einer gut bezahlten und angesehenen Anwältin, nur um dann noch einmal von Vorne zu beginnen und sich im öffentlichen Dienst und in gemeinnützigen Organisationen mit deutlich schlechter bezahlten Stellen zu begnügen. Sie erzählt von der politischen Karriere ihren Gatten, von ihren Sorgen als Mutter und von ihrer Arbeit hinter den Kulissen des Weißen Hauses.

Nach der Lektüre dieses Buches habe ich viele von den Obamas angestoßene Entwicklungen besser verstanden.

Lesen, und zwar augenblicklich!

Sonntag, 13. Januar 2019

Mary Wollstonecraft Shelley: Frankenstein

oder: Der moderne Prometheus

Dieses Buch ist zwar sicher ebenso oft verfilmt worden wie der Horrorklassiker Dracula. Trotzdem, oder vielleicht sogar gerade deshalb, ist seine Handlung den meisten Menschen unbekannt. In den Verfilmungen sieht man kreischende, fliehende Bauern auf dem Rückzug oder die gleichen Komparsen mit Dreschflegeln, Fackeln und Forken bewaffnet als wütenden Mob auf dem Weg zum Schloß derer von Frankenstein. Ein riesiges, aus Leichenteilen zusammengenähtes humanoides Monster stapft unbeholfen durch's Bild und ruft "Ich bin ein Mensch!"

Schnitt!

Vergessen Sie derlei oberflächlichen Irrsinn. Es geht in diesem kunstvoll konstruierten Roman um ganz andere Welten, nämlich vor allem um die Innenwelten Victor Frankensteins und seiner Kreatur. Es geht um die Qualen, denen beide ausgesetzt sind. An Frankenstein nagen die Gewissensbisse ob seiner frevelhaften Schöpfung und der Gefahr, die er damit über die Menschheit gebracht hat. An seiner Kreatur zehrt die Verzweiflung eines von der Veranlagung her zutiefst friedlichen und liebevollen Menschen von dem Augenblick an, als er zum ersten Mal voller Entsetzen sein eigenes Gesicht im Spiegel betrachtet. Ihm wird seine zu erwartende Einsamkeit bis in den Tod gegenwärtig.

Leichenteile, Schlösser und mit landwirtschaftlichen Geräten bewaffnete Bauern kommen in dem Roman überhaupt nicht vor.

Lesen Sie dieses phantastische Buch!

Mittwoch, 2. Januar 2019

Bram Stoker: Dracula

Dieses Buch ist so oft verfilmt worden, dass sicher jeder in groben Zügen die Handlung kennt. Ich erinnere nur an die grauenvoll schlechten Verfilmungen mit Christopher Lee, die ganz gewiss nicht wegen Lee so schlecht waren. Der gut aussehende und talentierte Schauspieler war durch die Reihe der "Dracula"-Spielfilme lange Zeit ausschließlich auf Filmbösewichter festgelegt. Was für ein hervorragender Darsteller er war, zeigte sich erst in viel späteren Filmen. Ich darf aber auch ganz ausgezeichnete Verfilmungen ins Gedächtnis rufen, die zum Beispiel mit Max Schreck, Klaus Kinski oder Gary Oldman in den Titelrollen gelungen sind. Deshalb verzichte ich an dieser Stelle auf einen Anriss des Plots.

Endlich hatte ich die Zeit, diesen Klassiker noch einmal zu lesen. Ich erinnerte mich noch daran, diesen als junger Mann ganz gut gefunden zu haben, wusste aber nicht mehr so recht, warum eigentlich. Die seltsame Form war mir aufgefallen. Der Roman kommt im Gewand einer Sammlung von verschiedenen Dokumenten daher: Tagebucheinträge, Zeitungsausschnitte, Briefe, medizinische Berichte und Telegramme werden kommentarlos aneinander gereiht und erzeugen so eine mitreißende Authentizität innerhalb einer für sich genommen ziemlich unglaubwürdigen Geschichte. Außerdem zwingt der ständige Perspektivwechsel den Leser, die Positionen der unterschiedlichsten Protagonisten einzunehmen. Das macht ihre Handlungen gut nachvollziehbar.

Bram Stoker hat sieben Jahre an seinem Hauptwerk gearbeitet und das merkt man auf jeder Seite. Die Handlung ist sehr aufwändig konstruiert. Alle geographischen Details hat der irische Schriftsteller akribisch recherchiert und deshalb macht es großen Spaß, den Roman mit einem neben sich liegenden, aufgeschlagenen Atlas zu lesen. Angeblich stimmen sogar die Fahrpläne der benutzten Verkehrsmittel. Einzig das Frauenbild des 19. Jahrhunderts nervt etwas, auch wenn es von Stoker mit der klugen Heldin Mina Harker durchaus angekratzt wird.

Ein unglaublich gutes Buch, ein Klassiker der phantastischen Literatur. Wer's noch nicht gelesen hat, sollte das unbedingt tun.