Freitag, 4. Oktober 2019

Hape Kerkeling: Frisch hapeziert

Gala - die Kolumnen

Nach seinem bedauernswerten Ausscheiden aus dem Showgeschäft arbeitete der wunderbare Entertainer unter Anderem als Autor einer Promiklatsch-Kolumne in der lifestyle-Zeitschrift Gala. Obwohl ich diese selbst nie gelesen habe, schätze ich sie als eine Art "Bunte" des 21. Jahrhunderts ein. Also nichts, um das ich mich am Kiosk schlagen würde. Selbst im ärztlichen Wartezimmer müsste meine geistige Umnachtung schon sehr groß sein, wenn ich ein aktuelles Heft einem fünf Jahre alten Exemplar des "Spiegel" vorziehen würde. Einfach nicht meine Welt.

Trotzdem habe ich dem Buch, in dem diese Kolumnen aus den Jahren 2017/18 zusammengefasst wurden, eine Chance gegeben. Ich mag den Autor, ganz egal was er so treibt.

Den Kauf habe ich nicht bereut: stets unterhaltsam und sprachlich gewitzt berichtet Herr Kerkeling über völlig unwichtigen Promikram. Seine zweitbeste Freundin prostet ihm dabei zu, und hinten sind Rezepte drin. Was will man mehr?

Sehr, sehr lustig. Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Dienstag, 1. Oktober 2019

Alexander Mett: Extreme Wildlife-Makrofotografie

Während meines Studiums, das ist nun auch schon ein paar Jahrzehnte her, begann ich, mich mit Fotografie zu beschäftigen. Autodidaktisch habe ich mir seinerzeit die Landschafts- Architektur- und eben die Makrofotografie angeeignet. Viel Geld für Literatur oder gar Workshops oder Kurse zum Thema hatte ich nicht übrig, so war es vor Allem Andreas Feiningers "Große Fotolehre", mit der ich mir die Theorie draufgeschafft habe. Ab und zu eine Fotozeitschrift, und das war's. Was ich in der Makrofotografie erreicht habe, war nie besonders meisterlich, für meine Zwecke hat es aber immer ausgereicht: Kleine Tiere rasch so dokumentieren, dass man sie später in aller Ruhe bestimmen kann. Im Prinzip also: Blende so klein wie möglich, Blitz auf TTL-Messung einstellen, ggf. mit Kabel entfesseln und los geht's. Anfangs mit Vorsatzlinsen, später mit Zwischenringen, Retroadapter und Balgengerät. Viel später sogar mit speziell dafür gerechneten Makroobjektiven. Manchmal kamen dabei sogar ganz hübsche Bilder zustande, weil die Viecher halt so hübsch sind. Aber Meisterwerke waren das nie.

In den letzten Jahren bemerkte ich in den sozialen Netzwerken und auf den einschlägigen Fotoplattformen jedoch Bilder, deren Schärfe, Detailreichtum und Tiefenschärfe ich mir im Zusammenhang mit dem vermuteten Abbildungsmaßstab nicht mehr erklären konnte. "Wie machen die das?" fragte ich immer häufiger. Ist das im Studio gemacht worden? Mit teuren Lupenobjektiven? Das ist doch so physikalisch gar nicht möglich!

Da hatte ich wohl in den letzten Jahren ganz wesentlich Entwicklungen und technische Neuerungen verschlafen. Zeit, sich noch einmal etwas mit Theorie zu beschäftigen. So traf es sich gut, dass ich jüngst auf facebook auf die Bilder von Alexander Mett gestoßen bin. So etwas hatte ich noch nie gesehen, und ich habe ganz sicher schon viele sehr gute Makroaufnahmen betrachtet. Er hat eben erst ein Buch zum Thema veröffentlicht, also her damit. Kann doch nicht so schwer sein.

Und im Grunde genommen ist es das auch nicht: Über die Jahre haben sich bei mir Fehler eingeschlichen, die v. A. auf meinen Mangel an theoretischem Hintergrundwissen zurückzuführen sind. Und ja: Eine wesentliche Neuerung habe ich auch verschlafen: Focus-Stacking heißt das Zauberwort. Herr Mett erklärt alles mit verständlichen Worten und bebildert reichlich und überaus eindrucksvoll. Die Bedienung in meinem Lieblingscafé hat sich schon beim Anblick der Hirschkäfer gegruselt. Was hätte sie wohl gesagt, wenn ich ihr die spektakulären Aufnahmen der Springspinnen gezeigt hätte?

Jetzt wird wohl erst einmal gebastelt (nämlich ein Diffusor für das Blitzlicht), und dann werde ich den ollen Retro-Adapter, das Balgengerät und das 20mm-Objektiv wieder hervorkramen, mit denen ich damals als Referendar die Drosophilas für meinen LK auf Diafilm fotografiert habe.

Drosophila melanogaster var. oregon

Heute weiß ich, wie ich das besser hinbekommen würde. Vielleicht überspringe ich das Balgengerät auch und nehme sofort das Makro und die Zwischenringe.

Wer sich für das Thema interessiert: Unbedingt lesen, und zwar sofort!




Sonntag, 29. September 2019

Harald Welzer: Klimakriege

Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird

Was der Soziologe und Sozialpsychologe in seinem Buch macht, ist beängstigend: Er analysiert akribisch, warum kriegerische und sonstige Auseinandersetzungen geführt werden und klopft sie dann darauf ab, welches Potential die zu erwartenden Klimaänderungen haben, solche Konflikte mit auszulösen. Exemplarisch zeigt er an einigen Kriegen und Bürgerkriegen auf, dass schon heute wegen der Klimaänderung gekämpft und getötet wird: Im Kampf um Land und Ressourcen, beim Ausplündern und Versklaven von Flüchtlingen, in Regionen, in denen Regierungsgewalt praktisch nicht mehr stattfindet und Kriege somit privatisiert wurden.

Ein erschreckender Blick in unsere Zukunft.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Sonntag, 8. September 2019

David Wallace-Wells: Die unbewohnbare Erde

In den Szenarios der in den Nachrichten, von den Wissenschaftlern des Weltklimarates und auch von der Fridays-for Future-Bewegung zitierten Klimasimulationen ist immer davon die Rede, dass wir die ungute Erwärmung der Erde bis zum Zeitpunkt XY auf einen bestimmten Wert beschränken müssen. Meist ist von maximal 2°C bis zum Jahr 2100 die Rede. Der Autor geht hier ein paar Schritte weiter. Einerseits beleuchtet er, wie realistisch das gesteckte Ziel ist (Spoiler: nicht sehr realistisch), andererseits denkt er noch weiter, über das Jahr 2100 hinaus. Denn selbst wenn wir das gesteckte 2°-Ziel im Jahr 2100 erreichen, hört die zunehmende Erwärmung ja nicht auf. Durch eine Erwärmung um 2° schieben wir Prozesse an, die sich verselbständigen werden (oder dies bereits jetzt getan haben): Gletscherschmelze führt durch Verringerung der Albedo zu fortgesetzter Erwärmung, selbst wenn die Menschen kein weiteres Kohlendioxid ausstoßen würden. Aufgetaute Permafrostböden führen zu Methanfreisetzung und einem zunehmenden Treibhauseffekt. Die Meere versauern, Meeresströmungen werden abgeschwächt, der Regenwald brennt nach wie vor lichterloh. Die Verteilungskämpfe haben bereits begonnen und die ersten Flüchtlingswellen sind bereits unterwegs. Mir wird ganz schlecht, wenn ich daran denke.

Neulich war ich bei meinem Hausarzt. Er wollte mir den Blutdruck messen. Also verwickelte er mich in ein Gespräch, wohl um die Zeit zu überbrücken, die mein Kreislauf benötigt um nach der Benutzung Treppe in den dritten Stock wieder auf ein normales Maß herunterzufahren. Er fragte mich in meiner Eigenschaft als Geograph, was ich von den Klimaprotesten der Fridays-for-Future-Bewegung halte: „Haben die Kinder vielleicht Recht?“

Nachdem ich dieses Buch gelesen habe weiß ich: Sie haben nicht Recht. Es wird alles noch viel, viel schlimmer. Mein Blutdruck hat sich während des Gesprächs naturgemäß nicht beruhigt.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

P. S.:
Nach der ebenso berührenden wie erschütternden Rede der 16-jährigen Greta Thunberg vor den Vereinten Nationen am 23. September 2019 muss ich wohl zurücknehmen, was ich weiter oben behauptet habe. Die Kinder haben Recht. Sie wissen Bescheid.

Donnerstag, 29. August 2019

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim: Komisch, alles chemisch

Handys, Kaffee, Emotionen - wie man mit Chemie wirklich alles erklären kann

Mai Thi Nguyen-Kim ist promovierte Chemikerin. Sie betreibt einen beliebten YouTube-Kanal und moderiert im ZDF die bekannte Wissenschaftsshow „Quarks“.

In diesem Buch versucht die eloquente und sympathische Mai Thi, ihre Begeisterung für Wissenschaft durch die genauere Betrachtung alltäglicher Phänomene zu vermitteln. Das gelingt ihr sehr überzeugend und auf derart unterhaltsame Weise, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte. Deshalb war ich ein klein Wenig enttäuscht, als ich es zu Ende gelesen hatte. Ich will mehr von diesem Stoff. Und ich will mehr Autorinnen und Autoren, die in verständlicher Sprache an Wissenschaft heranführen.

Um es kurz zu machen:

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Freitag, 23. August 2019

Carl Sagan: Der Drache in meiner Garage

oder 
Die Kunst der Wissenschaft, Unsinn zu entlarven

Dieser aus dem Jahr 1996 stammende Klassiker der Wissenschaftsliteratur ist in Zeiten von Verschwörungsgeschwurbel und fake-news aktueller als jemals zuvor. Der vielseitig interessierte und ebenso gebildete Astronom und Autor gibt hier eine umfangreiche und mit zahlreichen Beispielen veranschaulichte Anleitung zum wissenschaftlichen Denken. Ganz nebenbei erhält man noch Hinweise, wie man wissenschaftlichen Unsinn als solchen entlarvt.

Für einen wissenschaftlich interessierten Menschen wie mich ist dies ein atemberaubend spannendes Buch, welches zu lesen ich uneingeschränkt empfehle. Leider ist dieses Werk inzwischen vergriffen und wird nur noch antiquarisch und zwar zu Mondpreisen gehandelt. Ich empfehle den Gang in eine gut sortierte Leihbücherei. Möglicherweise wird man auch in einer Universitätsbibliothek fündig. Eine vorherige Internetrecherche hilft, unnötige Wege zu vermeiden.

Lesen, und zwar augenblicklich!

Dienstag, 30. Juli 2019

Ann-Kristin Gelder: ON:OFF

Nora ist eine Schülerin der Oberstufe, kurz vor dem Abitur. Auf einem Konzert lernt sie Alex kennen, der im letzten Schuljahr sein Abitur abgelegt hat, und der Bassist ihrer Lieblingsband ist. Sie verlieben sich ineinander, es funkt und britzelt, Friede, Freude, Eierkuchen und wenn sie nicht gestorben sind, dann knutschen sie noch heute.

Soweit der Plot.

Scheinbar.

In Wirklichkeit ist alles viel komplizierter und vielschichtiger: Nora arbeitet wegen einer besonderen Begabung nebenbei für den Technologiekonzern NGS. Dieser Konzern betreibt ebenso sensationelle wie illegale - und wie sich später herausstellt auch sehr gefährliche - Forschungen auf dem Gebiet der Psychologie. Nora wurde geschult und gebrieft, um sich Alex Interesse geschickt und skrupellos zu erschleichen und um sein Vertrauen zu gewinnen. Dann sollte die Falle zuschnappen. Doch ihr unterläuft ein folgenschwerer Fehler.

Ein rasend spannender Thriller, in dem die Liebesgeschichte zwischen den beiden jungen Protagonisten allenfalls die Motive ihres Handelns erklärt, niemals aber zum alleinigen Inhalt der Geschichte wird. Ich habe mir beim Lesen die Nägel bis zu den Schulterblättern abgekaut.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Samstag, 27. Juli 2019

Ursi Plenk: Bram Stoker's Dracula

Das Frauenbild im Dracula

Diese Seminararbeit aus dem Jahr 2007 im Fachbereich Germanistik der Ludwig-Maximilians-Universität München untersucht das viktorianisch geprägte Frauenbild Stokers am Beispiel der wichtigsten weiblichen Protagonistinnen des Romans, Lucy Westenra und Mina Harker. Die Autorin kommt dabei zu Schlussfolgerungen, die ich nicht in jedem Detail teile, aber was verstehe ich schon von Literaturwissenschaft. Sie begründet ihre Thesen nachvollziehbar und logisch stringent,  arbeitet, soweit ich das beurteilen kann, handwerklich sauber und so wurde diese Arbeit, sicher völlig zu Recht, mit einer guten Note bewertet.

Für mich endlich noch einmal ein Einblick in universitäres Arbeiten. Das habe ich lange vermisst und durch diese Arbeit wieder richtig Lust darauf bekommen.

Hat mir sehr gut gefallen. Empfehle ich jedem wärmstens, der sich für das Thema interessiert.

Dienstag, 23. Juli 2019

Lutz Berger: Die Entstehung des Islam

Die ersten hundert Jahre - Von Mohamed bis zum Weltreich der Kalifen

Ein Sachbuch dessen Inhalt durch den Namen erklärt wird. Akribisch untersucht der Autor, welche Strukturen innerhalb der frühen muslimischen Gemeinden der Ausbreitung der Religion und der Festigung der Macht ihrer Führer förderlich waren. Er listet auf, in welches Machtvakuum eines zerfallenden spätantiken Reiches der Islam vorstoßen konnte, welche Methoden dabei zur Anwendung kamen und wie dieses Vakuum entstanden ist.

Wer sich für Geschichte interessiert, besonders für Religionsgeschichte, der wird um dieses tolle Buch nicht herumkommen. Also für diesen Personenkreis:

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Mittwoch, 10. Juli 2019

Michael Roos: Sachen Gibt's...?!

Das Beste aus zwei Jahren

Und zwar die Heftchen #6 und #7

Es ist etwas ruhiger geworden um den Comicautor Michael Roos aka DeMichl. Das hat Gründe, und zwar gute:
Hase ist von uns gegangen, stattdessen treten eine Katze und ein Hund auf den Plan und sorgen zunächst für Aufregung und dann für Durcheinander. Ach ja: Nachwuchs hat sich eingestellt. Ab sofort hält "das Männlein" den Autor und seine Frau auf Trab und nachts vor Allem wach.

Dass der Zeichner deshalb seinen Comicoutput verkleinert hat, ist nur zu verständlich. So erscheinen die Webcomics nicht mehr wöchentlich und die Heftchen nicht mehr jährlich. So ist es nun mal im Leben - man muss Prioritäten setzen.

Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, sind die Comics überaus unterhaltsam und direkt aus dem Leben gegriffen. Der Themenwechsel, weg aus Nerdistan und hinein ins richtige Leben, bringt frischen Wind in die kleinen Geschichten. Und so nehmen wir Anteil an den kleinen Anekdoten aus dem Leben eines nun vollständig erwachsen gewordenen Comiczeichners.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!


Mittwoch, 26. Juni 2019

Markus Guthmann: Weinstraßenhölle

Oberstaatsanwalt Röder hatte sich seinen Grillnachmittag eigentlich viel entspannender vorgestellt. Doch zunächst löst sein Hund eine Kette unglücklicher Ereignisse aus, an deren Ende Röder sich eine äußerst schmerzhafte und hartnäckige Verletzung zuzieht. Und dann wird er noch telefonisch zu einem Mordfalle abberufen, der sich als mehr als bizarr entpuppt: In einem offen gelassenen Steinbruch findet sich ein altes Fass aus dessen Innerem eine Hand hervorragt. Der Besitzer dieser Hand ist ganz offensichtlich seit Jahrzehnten verstorben. Doch es kommt noch schlimmer.

Mitten im Pfälzer Wald, irgendwo zwischen Lambrecht und Forst, ermittelt der Oberstaatsanwalt. Dabei wird man als Leser nicht nur in einen äußerst verzwickten und vielschichtigen Kriminalfall mit einbezogen, man lernt auch eine ganze Menge über das Brauchtum in der Pfalz und über ihre Bewohner.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Donnerstag, 20. Juni 2019

Christian von Ditfurth: Die Akademie

Stachelmanns sechster Fall

Ein ehemaliger Kollege wendet sich an Stachelmann. Er sei einer gigantischen Verschwörung auf der Spur, aber noch bevor Heinz Rehmer dem Ermittler Details anvertrauen kann, ist der Leipziger Historiker tot. Ermordet.

Stachelmann und Georgie müssen versuchen, im Bundesarchiv der Verschwörung und damit auch den Mördern von Rehmer auf die Spur zu kommen.Doch das ist nicht ungefährlich.

Die Romanfigur des Dr. Stachelmann entwickelt sich in diesem sechsten Band zu einem professionellen Ermittler weiter. Leider ist es sein b. a. W. letzter Fall. Es ist fast schade, dass der Autor die Figur nicht fortführt, aber mit Hauptkommissar DeBodt hat er ja bereits einen mehr als würdigen Nachfolger erschaffen.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Mittwoch, 29. Mai 2019

Christian von Ditfurth: Labyrinth des Zorns

Stachelmanns fünfter Fall

Stachelmann hat seine Universitätslaufbahn aufgegeben. Das intrigante, korrupte und karrieregierige Gehabe seines ehemaligen Vorgesetzten widert ihn an. Er macht sich als Privatermittler selbständig, wobei ihm seine Recherchefertigkeiten aus der Wissenschaft durchaus behilflich sind. Wie in einem Schwarzweißfilm aus der Schwarzen Serie erhält er seinen ersten Auftrag von einer hinreißend schönen Deutschamerikanerin, die ihren seit Jahrzehnten verschollenen Vater aufspüren lassen will. Und wie in einem klassischen Krimi wird er um einen großenTeil seines Honorars betrogen. Außerdem wird das Leben des Kindes seiner Partnerin bedroht. Stachelmann ist außer sich. Jetzt nimmt er den Fall persönlich.

Eine sehr spannende Fortsetzung der Serie. Nach meinem Dafürhalten war es eine sehr gute Idee, den Protagonisten in ein anderes berufliches Umfeld zu versetzen. So kann er ganz selbstverständlich wieder von einem Kriminalfall in den nächsten stolpern.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Sonntag, 19. Mai 2019

Christian von Ditfurth: Lüge eines Lebens

Stachelmanns vierter Fall

Endlich hat Stachelmann der Berg der Schande abgetragen und seine Habilitation fertig gestellt. Eigentlich könnte er sich jetzt entspannt zurücklehnen und auf seinen Lehrstuhl warten. Wenn nicht ausgerechnet jetzt auf ihn geschossen würde. Und damit meine ich keineswegs den shitstorm, den der Historiker im Internet wegen seiner noch unveröffentlichten Arbeit über sich ergehen lassen muss. Das wäre schon unangenehm genug. Es wird tatsächlich auf ihn geschossen: Aus großer Entfernung und mit einer großkalibrigen Waffe. Da hat er wohl mit seinem Buch in ein Wespennest gestochen.

Und wieder muss ich es sagen: Die intelligent konstruierten und brillant recherchierten Krimis des Herrn von Ditfurth gehören zum besten, was der deutsche Krimimarkt zur Zeit zu bieten hat. Absoluter Suchtstoff.

Achtung Spoiler:

Dass der Autor am Ende die akademische Karriere seines Protagonisten vernichtet, indem er dessen Mentor zum Täter macht, ist ein brillanter dramaturgischer Kniff. Ich hatte mich schon gefragt, wie viele Möglichkeiten Herrn von Ditfurth noch einfallen werden, einen Historiker an einem Universitätsinstitut glaubhaft in einen Kriminalfall zu verwickeln. Das ist jetzt vorbei und man darf gespannt sein, wie es weitergeht.

Spoiler Ende.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Samstag, 18. Mai 2019

Ralf König: Stehaufmännchen

Wir befinden uns mitten in Afrika. Ein Touristenpärchen hat sich verlaufen und sucht jetzt den Weg in die Hotelanlage ihrer Pauschalreise. Zufällig geraten sie an eine Horde Affen, die gerade ein Theaterstück aufführt. Es handelt vom Aufstieg eines der ihren vor 6 Millionen Jahren. Vom Homo sapiens.

Wie immer kritisch nimmt Ralf König die eigene Spezies unter die Lupe. Das eine oder andere Augenzwinkern ist auch mit dabei, sodass man sich beim Lesen dieses Comics bestens unterhalten fühlen darf. Nur am Ende wird es wieder so realistisch und damit melancholisch, als habe einen bei der Lektüre die Wirklichkeit eingeholt.

Lesen, und zwar unbedingt und augenblicklich.

Sonntag, 12. Mai 2019

Michael Geiger (Hrsg.): Die Landschaften der Pfalz entdecken

Geo-Touren für Familien

Ohne es explizit so zu nennen legt Herr Geiger hier ein geologisches Lehrbuch der Pfalz vor. Dass man auf dieser Basis interessante Ausflüge unternehmen kann, versteht sich fast von selbst. Deshalb machen er und seine Mit-Autoren auch zahlreiche Vorschläge für Tagestouren und erläutern reich bebildert deren geologischen Hintergrund.

Unbedingt lesen!

Samstag, 11. Mai 2019

Axel Rehe, Klaus Hünerfauth: Wasserkraft am Kaltenbrunnerbach

Ein historischer Abriss

Dieses reich bebilderte Buch aus einer Schriftenreihe des Historischen Vereins der Pfalz ist nicht als Unterhaltungslektüre gedacht. Es ist vielmehr eine umfassende Dokumentation der Industriebetriebe, die sich wegen der nutzbaren Wasserkraft im Kaltenbrunner Tal angesiedelt haben. Wasserbauliche Maßnahmen, Bebauung, sonstige Infrastruktur: alles ist, sofern bekannt, sorgfältig aufgelistet und mit Fotos und Karten illustriert.

Für einen historisch interessierten Geographen wie mich ein gefundenes Fressen, deshalb alle verfügbaren Daumen nach oben!

Freitag, 10. Mai 2019

Harald Hartusch: Mystery - Die großen Mythen der Pfalz

Das im M + H Verlag in der Reihe "Edition BONJOUR DEUTSCHLAND" erschienene Themenheft überzeugt zunächst durch seine wertige Aufmachung: Hochglanzdruck, wunderschöne Fotos aus meiner Wahlheimat und edles Layout ergeben ein optisches Gesamtbild, das sich sehen lasen kann. Der Inhalt besteht aus kleinen, abgeschlossenen Kapiteln über Sagen und sagenhaftes aus der Pfalz.

Zu jedem der unterhaltsam und informativ geschriebenen Geschichten gesellt sich noch ein "Entdecker-Guide", also eine kurze und präzise Zusammenstellung aller Informationen, die man für einen Besuch der Lokalität benötigt. Was oft vergessen wird fehlt hier nicht: Eine Adresse, die man ins Navi des Autos oder des Motorrads eingeben kann.

Auch dieses Heft werde ich zunächst nicht in den Bücherschrank stellen, sondern es den kommenden Sommer über im Koffer meines Motorrads deponieren. Die hier beschriebenen Ausflugsziele möchte ich mir auf jeden Fall anschauen!

Meine persönliche Empfehlung für jeden Pfalz-Reisenden.

Greta Thunberg, Svante Thunberg, Beata Ernman, Malena Ernman: Szenen aus dem Herzen

Unser Leben für das Klima

Mit ihrem Sperrholzschild "Schulstreik für das Klima" wurde die sechzehnjährige Greta Thunberg nicht nur weltbekannt, sie gab auch den Anstoß für eine Massenbewegung, deren sich entwickelnde Eigendynamik das Zeug hat, selbst die Friedensbewegung der frühen 80er Jahre noch zu übertreffen. 
So weit - so gut.

Doch was treibt das Schulmädchen an? Warum ist sie so fokussiert und so wenig Kompromissbereit? Wie denkt sie? Es wird darüber viel spekuliert. Jeder Nachrichteninteressierte glaubt auf einmal, Expertenansichten über das Asperger-Syndrom absondern zu dürfen, um die oben skizzierten Fragen damit zu beantworten. Doch so einfach ist das nicht. 

Deshalb hat die Familie von Greta sich entschlossen, dieses Buch zu schreiben. Und das sollte man wenigstens gelesen haben, bevor man sich über die kluge und mutige junge Frau das Maul zerreißt. Und zwar pronto!

Montag, 6. Mai 2019

Thomas Hüetlin: Udo

Das Leben von Udo Lindenberg gleicht einer Achterbahn. In einfachsten Verhältnissen aufgewachsen trommelt er sich zunächst in die Herzen der Jazz-Fangemeinde. Dann wird er mit dem Singen deutscher Texte zu harter Rockmusik unglaublich erfolgreich, um dann wieder und wieder abzustürzen, sich wieder aufzurappeln nur um dann erneut abzustürzen. Alkohol ist immer im Spiel, mal mehr und mal noch mehr. Dieser Mann ist ein Phänomen und es grenzt an ein Wunder, dass er noch immer lebt und noch immer aktiv Musik macht. Danke Udo Lindenberg für die Musik und danke Thomas Hüetlin für diese spannende Biographie.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Freitag, 3. Mai 2019

Gayle Tufts: American Woman

How I lost my Heimat and found my Zuhause

Die amerikanische Entertainerin, Sängerin und Tänzerin lebt und arbeitet seit den späten 80er Jahren in Europa, genauer gesagt in Deutschland. Sie besitzt also einen interkulturell geschärften Blick auf die alte Welt. Dies bringt sie in ihren Bühnenshows unter Anderem mit dem von ihr hoffähig gemachten Denglish, einer liebevoll gepflegten Kunstsprache aus Deutsch und amerikanischem Englisch, zum Ausdruck. Oft thematisiert sie, wie merkwürdig fremd Europa aus der Perspektive einer amerikanischen Staatsbürgerin erscheint.

Für dieses Buch dreht sie den Spieß um: Kurz nach der Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten bereist sie ihre alte Heimat und merkt, wie fremd ihr diese inzwischen geworden ist. Amerika hat sich sehr verändert in den letzten Jahren. In einem Satz: "What the fuck is going on here?" Kopfschüttelnd bemerkt sie, wie europäisch, wie deutsch ihr Blick inzwischen geworden ist. Trotzdem unterlässt sie es nicht, mir ein paar meiner Vorurteile gegenüber Amerikanern zu nehmen. Wäre ja auch schade, wenn ein Land von kontinentalen Dimensionen ausschließlich von Hohlköpfen bewohnt wäre.

Konsequenterweise ist Frau Tufts inzwischen im Besitz eines deutschen Passes.
Willkommen Zuhause!

Unbedingt lesen!

Mittwoch, 1. Mai 2019

Dunja Hayali: Is' was dog?

Mein Leben mit Hund und Haaren

Eigentlich wollte sie immer einen Hund haben, aber andererseits war nie der richtige Zeitpunkt. Doch irgendwann erwischte es sie, und seitdem lebt sie ein Leben zwischen haarigen und verschlammten Sitzmöbeln auf der einen und Gummihühnern an langen Leinen auf der anderen Seite. Pansenkeksen werden ebenso selbstverständlicher Teil ihres Alltags wie mit unaussprechlichen Dingen verschmutzer Fußboden in der eigenen Wohnung. Und das ist egal! Mit einem Hund handelt man sich ganz sicher viele unerfreuliche Dinge ein, das eigene Leben wird völlig auf den Kopf gestellt. Aber das machen die Vierbeiner mit viel mehr Erfreulichem wieder wett, und zwar vielfach: Man ist viel an der frischen Luft und bewegt sich, Langeweile gehört der Vergangenheit an und man ist garantiert eines nie wieder: einsam.

Und ich denke gerade ernsthaft darüber nach, mir einen Hund anzuschaffen.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Freitag, 26. April 2019

Cixin Liu: Jenseits der Zeit

Endlich erfahre ich, wie es weitergeht - der dritte Teil der Trisolaris-Trilogie ist da.

Achtung Spoiler
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Nachdem die Bedrohung durch die Trisolarier mittels eines verwegenen Schachzugs beseitigt und die Heimatwelt des Feindes zerstört ist, steht die Menschheit nun einem Gegner von ganz anderer Qualität gegenüber. Glaubte man zunächst, dass das Sonnensystem in seiner Existenz bedroht wird, wird bald klar, dass weit mehr auf dem Spiel steht. Es wird eng für die Menschheit und auch für das Universum.
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Spoiler Ende

Spannung bis zum Nägelabkauen, nerdige Szenarios und interessante gesellschaftliche bzw. naturwissenschaftliche Fiktionen. Wer die ersten beiden Bände der Trilogie gelesen hat, sollte sich das Finale Furioso auf keinen Fall entgehen lassen.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Donnerstag, 11. April 2019

Richard Dawkins: Der entzauberte Regenbogen

Wissenschaft, Aberglaube und die Kraft der Phantasie

Richard Dawkins ist ein streitbarer Geist. Deshalb kennt man ihn vor Allem als leidenschaftlichen Kämpfer für Wissenschaft im Allgemeinen und für die Evolutionstheorie im Besonderen. Ebenso leidenschaftlich bekämpft er Aberglauben und esoterischem Mumpitz jeder Art.

Stellt sich die Frage: Wo bleibt die Faszination? Wo bleibt die Leidenschaft bei dieser Sichtweise?

Er nimmt die Herausforderung an und erklärt Phänomene auf wissenschaftliche Art, dass einem die Nackenhaare zu Berge stehen. Spätestens als er auf geradezu bezaubernde Art und Weise die physikalischen Implikationen eines Regenbogens erläuterte, standen mir die Tränen in den Augen.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Donnerstag, 28. März 2019

Dunja Hayali: Haymatland

Wie wollen wir zusammenleben?

Frau Hayali wird in als Journalistin oft angefeindet. Und in ihrer Eigenschaft als Frau. Und weil sie aus einem Elternhaus mit Migrationshintergrund stammt. In bestimmten Kreisen reicht schon eine dieser Eigenschaften, um sie als rotes Tuch zu betrachten. Wie geht man damit um? Wie fühlt man sich dabei.

Die kluge und besonnene Journalistin versucht, auf diese ziemlich schwierigen Fragen Antworten zu geben. Und diese Antworten sind unbequem. Doch sie sind auch richtig.

Was für eine mutige Frau!

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Sonntag, 24. März 2019

Brandon Q. Morris: Der Riss

Auch in diesem Buch des Autors besteht größte Gefahr. Nicht nur für die Erde wird es gefährlich, gleich das ganze Universum ist in seiner Existenz bedroht.

Was sich zunächst ziemlich an den Haaren herbeigezogen anhört, ist von dem unter einem Pseudonym schreibenden Physiker auf Grundlage der Quantenmechanik bis ins kleinste Detail durchdacht und anschaulich erklärt. Besonders interessant finde ich die Perspektive der künstlichen Intelligenz, die bei der Aufklärung und Lösung des Problems eine gewichtige Rolle spielt.

Der Roman ist spannend geschrieben und man mag ihn nicht mehr aus der Hand legen, ist man in das Universum dieser Geschichte erst einmal eingetaucht.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Montag, 18. März 2019

Bela B Felsenheimer: Scharnow

Was der Herr Felsenheimer uns als Debütroman vorlegt ist schwer zu beschreiben. Geht es um die Liebesgeschichte zwischen Hamid, dem syrischen Flüchtling und Nami, die sich anzieht und schminkt wie eine ihrer geliebten Manga-Figuren und deshalb von allen für eine Punkerin gehalten wird? Ein gut aussehender Pornodarsteller ist auch dabei, dem es Freude bereitet, ganz unscheinbaren Frauen das Abenteuer ihres Lebens zu schenken. Oder geht es um die vier Freunde, die aus hygienischen Gründen ihre Küche zugemauert haben, und eines Tages beschließen, nur mit Papiertüten auf dem Kopf bekleidet einen Supermarkt zu überfallen? Killer haben es auf kleine Hunde abgesehen, ein fliegender Mann greift ein, aber so richtig fassen kann man den Handlungsstrang nicht. Im Grunde genommen besteht der Roman auch aus sehr, sehr vielen, ziemlich abstrusen Handlungssträngen, die Herr Felsenheimer zu einem kunstvollen Geflecht miteinander verbindet. Und immer wenn man glaubt, man hat endlich verstanden, worum es geht, wird es noch einmal absurder. Und immer wieder finden sich kleine, dadaistisch anmutende literarische Perlen. Wie zum Beispiel dieser Halbsatz:
„Für Zeitreisen war es noch zu früh...“

Großartig!

Ganz großes Kopfkino. Unbedingt lesen, und zwar augenblicklich!

Sonntag, 10. März 2019

Sebastian Fitzek: Der Insasse

Till Berghoff betrauert den Tod seines Sohns Max. Dieser wurde vermutlich das Opfer eines psychopathischen Massenmörders. Doch der sitzt inzwischen in der geschlossenen Psychiatrie ein und schweigt sich aus. Till sieht nur eine Chance, mit sich wieder ins Reine zu kommen: Er lässt sich selbst, mit falschem Namen und Legende ausgestattet, in die Psychiatrie einweisen. Er hofft, endlich Klarheit zu erhalten.

Und wieder schafft Herr Fitzek es, mich von Anfang an in seinen Bann zu ziehen. Dieser Psychothriller ist intelligent konstruiert und spannend bis zur letzten Seite.

Lesen, und zwar augenblicklich!

Donnerstag, 28. Februar 2019

Whitley Strieber: Der Kuss des Todes

sowie die Fortsetzung: Der Kuss des Vampirs

Miriam und John Blaylock auf der einen Seite, sowie Sarah Roberts und ihr Mann Tom sind zwei Paare, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.
Sarah und Tom sind zwei junge und hart arbeitende Ärzte an einem New Yorker Forschungskrankenhaus. In der Abteilung für Geriatrie wähnen sie sich kurz vor einem wissenschaftlichen Durchbruch im Zusammenhang mit der inneren Uhr des Alterns. Sie hoffen, dass sich diese innere Uhr, hat man ihre Funktionsweise erst einmal begriffen, manipulieren lässt. Sarah steht deshalb seit der Veröffentlichung ihres Buches über Schlaf und Langlebigkeit durchaus auch im Rampenlicht der Öffentlichkeit.
Miriam und John hingegen sind zwei augenscheinlich blutjunge, überaus wohlhabende Bohemiens die tagsüber mit der halbwüchsigen Nachbarstochter musizieren und nachts das Clubleben genießen. Außerdem sind sie Vampire und ermorden etwa einmal pro Woche zwei Menschen, um sich zu ernähren.

Die Wege der beiden ungleichen Paare kreuzen sich, als John an einer grauenvollen Krankheit zu leiden beginnt. Er findet keinen Schlaf mehr und er altert rapide, ohne jedoch zu sterben. Es scheint fast so, dass die Natur die fast vierhundert Jahre, um die er sie betrogen hat, zurückfordert. Miriam nimmt unter einem Vorwand Kontakt zu Sarah auf in der Hoffnung, mit ihren Forschungsergebnissen John helfen zu können. Sie will um Johns Gesundheit kämpfen, denn zu oft hat sie auf diese Weise schon einen Gefährten verloren.

Auch dies sind zwei Geschichten, mit denen man sich durchaus mehrfach beschäftigen kann. Deshalb habe ich mir die beiden Romane antiquarisch beschafft. Der Kuss des Todes wurde bereits 1983 unter dem Namen „The Hunger“ (deutsch: „Begierde“) mit Catherine Deneuve, Susann Sarandon und David Bowie in den Hauptrollen verfilmt. Für den Regisseur Tony Scott war dies das Spielfilmdebüt, vorher beschäftigte er sich ausschließlich mit Werbefilmen. Entsprechen opulent war die Bildersprache dieses Films, der seitdem in gewissen Kreisen durchaus Kultstatus genießt. Die Handlung kannte ich also schon seit über 35 Jahren. Trotzdem hat es mich interessiert, die Romanvorlage ebenfalls zu lesen. Und ich wurde nicht enttäuscht. Für das Filmdrehbuch waren so umfangreiche Änderungen und Streichungen notwendig gewesen, dass mich der Roman immer noch überraschen und fesseln konnte.

Der Kuss des Vampirs entstand erst rund zwanzig Jahre später. Um nicht Teile der Handlung des ersten Teils zu spoilern, verkneife ich mir hier einen Anriss der Handlung. Nur so viel sei gesagt: Auch dieser Roman ist wieder ein Parforceritt durch die Jahrtausende von Miriams Leben und spannend bis zum Nägelabkauen. Bleibt noch anzumerken, dass dem Verlag beim Herstellen der gedruckten Version wohl einen Computerfehler unterlaufen ist. Mir fiel auf, dass die Handlung einen mehrere Kapitel umfassende Rückblende in den ersten Band enthielt. Mir wäre das, obwohl ich das Buch vor über zehn Jahren schon einmal als Ebook verschlungen habe, eigentlich nicht aufgefallen. Aber ich habe die Bücher aus Versehen in der falsche Reihenfolge gelesen, und deshalb kamen mir im ersten Teil nicht nur mehrere Kapitel sehr vertraut vor, ich habe sogar einen sehr auffälligen Druckfehler wiedererkannt.

Wie dem auch sei: Alle verfügbaren Daumen nach oben, lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Dienstag, 12. Februar 2019

Michelle Obama: Becoming

Meine Geschichte

Was die ehemalige first lady der Vereinigten Staaten von Amerika zu berichten hat ist sehr aufschlussreich und anrührend. Sie erzählt die Geschichte eines Mädchens, das sich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet hat zu einer gut bezahlten und angesehenen Anwältin, nur um dann noch einmal von Vorne zu beginnen und sich im öffentlichen Dienst und in gemeinnützigen Organisationen mit deutlich schlechter bezahlten Stellen zu begnügen. Sie erzählt von der politischen Karriere ihren Gatten, von ihren Sorgen als Mutter und von ihrer Arbeit hinter den Kulissen des Weißen Hauses.

Nach der Lektüre dieses Buches habe ich viele von den Obamas angestoßene Entwicklungen besser verstanden.

Lesen, und zwar augenblicklich!

Sonntag, 13. Januar 2019

Mary Wollstonecraft Shelley: Frankenstein

oder: Der moderne Prometheus

Dieses Buch ist zwar sicher ebenso oft verfilmt worden wie der Horrorklassiker Dracula. Trotzdem, oder vielleicht sogar gerade deshalb, ist seine Handlung den meisten Menschen unbekannt. In den Verfilmungen sieht man kreischende, fliehende Bauern auf dem Rückzug oder die gleichen Komparsen mit Dreschflegeln, Fackeln und Forken bewaffnet als wütenden Mob auf dem Weg zum Schloß derer von Frankenstein. Ein riesiges, aus Leichenteilen zusammengenähtes humanoides Monster stapft unbeholfen durch's Bild und ruft "Ich bin ein Mensch!"

Schnitt!

Vergessen Sie derlei oberflächlichen Irrsinn. Es geht in diesem kunstvoll konstruierten Roman um ganz andere Welten, nämlich vor allem um die Innenwelten Victor Frankensteins und seiner Kreatur. Es geht um die Qualen, denen beide ausgesetzt sind. An Frankenstein nagen die Gewissensbisse ob seiner frevelhaften Schöpfung und der Gefahr, die er damit über die Menschheit gebracht hat. An seiner Kreatur zehrt die Verzweiflung eines von der Veranlagung her zutiefst friedlichen und liebevollen Menschen von dem Augenblick an, als er zum ersten Mal voller Entsetzen sein eigenes Gesicht im Spiegel betrachtet. Ihm wird seine zu erwartende Einsamkeit bis in den Tod gegenwärtig.

Leichenteile, Schlösser und mit landwirtschaftlichen Geräten bewaffnete Bauern kommen in dem Roman überhaupt nicht vor.

Lesen Sie dieses phantastische Buch!

Mittwoch, 2. Januar 2019

Bram Stoker: Dracula

Dieses Buch ist so oft verfilmt worden, dass sicher jeder in groben Zügen die Handlung kennt. Ich erinnere nur an die grauenvoll schlechten Verfilmungen mit Christopher Lee, die ganz gewiss nicht wegen Lee so schlecht waren. Der gut aussehende und talentierte Schauspieler war durch die Reihe der "Dracula"-Spielfilme lange Zeit ausschließlich auf Filmbösewichter festgelegt. Was für ein hervorragender Darsteller er war, zeigte sich erst in viel späteren Filmen. Ich darf aber auch ganz ausgezeichnete Verfilmungen ins Gedächtnis rufen, die zum Beispiel mit Max Schreck, Klaus Kinski oder Gary Oldman in den Titelrollen gelungen sind. Deshalb verzichte ich an dieser Stelle auf einen Anriss des Plots.

Endlich hatte ich die Zeit, diesen Klassiker noch einmal zu lesen. Ich erinnerte mich noch daran, diesen als junger Mann ganz gut gefunden zu haben, wusste aber nicht mehr so recht, warum eigentlich. Die seltsame Form war mir aufgefallen. Der Roman kommt im Gewand einer Sammlung von verschiedenen Dokumenten daher: Tagebucheinträge, Zeitungsausschnitte, Briefe, medizinische Berichte und Telegramme werden kommentarlos aneinander gereiht und erzeugen so eine mitreißende Authentizität innerhalb einer für sich genommen ziemlich unglaubwürdigen Geschichte. Außerdem zwingt der ständige Perspektivwechsel den Leser, die Positionen der unterschiedlichsten Protagonisten einzunehmen. Das macht ihre Handlungen gut nachvollziehbar.

Bram Stoker hat sieben Jahre an seinem Hauptwerk gearbeitet und das merkt man auf jeder Seite. Die Handlung ist sehr aufwändig konstruiert. Alle geographischen Details hat der irische Schriftsteller akribisch recherchiert und deshalb macht es großen Spaß, den Roman mit einem neben sich liegenden, aufgeschlagenen Atlas zu lesen. Angeblich stimmen sogar die Fahrpläne der benutzten Verkehrsmittel. Einzig das Frauenbild des 19. Jahrhunderts nervt etwas, auch wenn es von Stoker mit der klugen Heldin Mina Harker durchaus angekratzt wird.

Ein unglaublich gutes Buch, ein Klassiker der phantastischen Literatur. Wer's noch nicht gelesen hat, sollte das unbedingt tun.