Mittwoch, 21. Oktober 2020

Mary Shelley, Ralf König: Frankenstein


Ein alternder Mediziner lebt in selbst gewählter Abgeschiedenheit das karge Leben eines Bestatters und Leichenwäschers irgendwo in der Provinz. Das verschafft ihm die notwendige Ruhe, um seine privaten Forschungen zu betreiben. Ihm fällt Mary Shelleys Roman in die Hände, den er in nur einer Nacht verschlingt. Zutiefst von der Geschichte berührt und aufgewühlt beschließt er, sich in einem Brief der Autorin anzuvertrauen. Er und der Romanheld Viktor Frankenstein teilen eine geheime Leidenschaft. 

Ralf König nimmt sich behutsam eines Klassikers an. Was dabei herauskommt ist ein ernstes Buch und eine knietiefe Verbeugung vor Frau Shelley.

Ein tolles Buch. Unbedingt lesen, und zwar sofort.

Donnerstag, 15. Oktober 2020

Beate Knappe: knappe70

 Fotografien - mein Leben

Und wieder ist mir etwas dazwischen gekommen. Ich wollte doch den Comic-Stapel abbauen! Ich habe ein Paket abgeholt. Bei UPS. Hier in Neustadt ist das reichlich umständlich, weil der Tabakladen, der als UPS-Abholstation fungiert, weit vom Stadtzentrum entfernt ist. Aber ich habe ja jetzt wieder ein Fahrrad. Also Rucksack auf und ab dafür. 

"Kann nicht allzu groß sein." sage ich ahnungslos zur Tabakhändlerin, als sie anfängt, im Regal zu suchen. "Ist nur eine Büchersendung!" Was sie mir dann in die Hand drückt, ist verblüffend groß und schwer. Das kann doch unmöglich Beates Ausstellungskatalog sein! Hoffentlich passt das in den Rucksack. Beim Frühstücken in einem meiner Lieblingscafés (Ja: Neustadt ist zwar klein, aber die Kaffeehausszene ist äußerst vielfältig - ich habe also mehrere Lieblingscafés!) öffne ich den großen Karton. Was ich herausziehe, übertrifft alle meine Erwartungen: Das Buch ist riesig. Wie ein Telefonbuch (die Älteren unter uns werden sich erinnern), nur mit Hardcover. Und in Schwarz. Als junger Mann habe ich mehrere Jahre lang konsequent nur schwarze Kleidung getragen. Ich liebe Schwarz!

Viele von Beates Bildern aus analogen Zeiten kenne ich schon, denn sie teilt diese recht großzügig auf diversen social-media-Plattformen. Aber das Buch hat mich trotzdem völlig erschlagen. Die Druckqualität ist spektakulär. Das sind die besten Schwarzweißdrucke seit Barytpapier. Man kann die Bilder förmlich ertasten. Und das schwere Papier riecht so gut! Beate erklärt in kurzen Einleitungstexten jedes Kapitel und die Kapitel spiegeln jeweils eine Schaffensperiode der Fotografin wieder. Es beginnt mit ihren fotografischen Anfängen: Als blutjunge Frau hat sie mit einer zweiäugigen Rolleiflex zu fotografieren begonnen. Quadratfotos. Menschen waren und sind ihr Lieblingsthema, deshalb hat sie Verwandte und Bekannte abgelichtet. Erstaunlich einfühlsame Portraits sind dabei herausgekommen. "Menschen" zieht sich als Thema wie ein roter Faden durch ihre Arbeit: Prominente, Straßenszenen, Reportage... Fast immer stehen Menschen im Mittelpunkt ihrer Bilder. Und fast immer in Schwarzweiß. 

Und dann kamen noch Bilder, die ich noch nie gesehen hatte. Bei Bildern von den großen Demonstrationen in den späten 70ern und frühen 80ern und bei einigen Straßenszenen hatte ich schließlich feuchte Augen. Vor über dreißig Jahren hat Beate auch Teile meines Lebens festgehalten. Und da kannte ich sie noch nicht einmal.

Ein großartiges Buch. 

Kauft, Leute, kauft. Und das meine ich wirklich ernst. Geht in die Ausstellung, wenn ihr könnt.

Dienstag, 13. Oktober 2020

Ralf König: Trojanische Hengste


Da war doch noch 'was!?

Ach ja: Ich habe noch einen ganzen Stapel mit Comics des geschätzten Herrn König, die mir im Laufe der Jahre durch die Lappen gegangen sind. In den Sommerferien habe ich den auch nicht wie geplant geschafft, also schiebe ich die schönen, bunten Hefte nach und nach zwischen die Bücher, die ja auch noch gefressen werden wollen. 

Wohlan denn:

Für diesen prächtigen Band aus dem Jahr 2006 strichelte Herr König lustige Episoden aus allen möglichen Bereichen des Lebens Homosexueller zusammen: Konrad und Paul, alternde Paare, junge Hengste, welkende Tunten... es sind alle da und werden auf die Schippe genommen. Die Pointen sitzen immer und sind oft tiefsinniger und einfühlsamer, als sie auf den ersten Blick erscheinen. Ein wunderschöner und sehr witziger Comic, sehr zu empfehlen.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!



Sonntag, 4. Oktober 2020

Walter Moers: Der Bücherdrache


Wild entschlossen, den meterhohen Stapel der noch zu lesenden Bücher in der Küche endlich in Angriff zu nehmen, werden wohl in der nächsten Zeit wieder weniger eBooks verzehrt.

Der kleine Buchling Hildegunst zwei macht eine Exkursion in den legendären Ormsumpf. Dort trifft der mutige Schüler auf den Bücherdrachen Nathaviel. Er erfährt viele seiner Geheimnisse, denn das Schuppentier ist verdächtig redselig. 

Wieder einmal überrascht mich der eloquente Silbendrechsler Moers mit seiner geradezu überbordenden Phantasie. Wer glaubt, dass schon die Comics des Autoren bizarre Ideen enthalten, hat vermutlich noch nie seine Nase in die Romane von Walter Moers gesteckt. Da setzt er wirklich noch einmal einen drauf. Außerdem ist ein Meister der Sprache. Kostprobe?

"Also: Da waren plötzlich all diese Gedanken. Diese Ideen, diese Vokabeln in meinem Hirn, die ich vorher nicht gekannt hatte. Wunderbare Wörter wie Silbenfall oder Augenweide. Freudenträne oder Gedankenspiel. Geistesblitz oder Fernweh. Wörter, die mich nachdenklich und traurig machten, wie Weltschmerz oder Endlichkeit. Und da waren auch welche, die mich zum Lachen brachten: Wie ekrenkäsig, indulgant, Imponderabilien oder Olgötze. All diese Edelwörter gehörten plötzlich zu meinem Wortschatz. Genauso wie das Wort Wortschatz, obwohl ich vorher nicht mal wusste, dass ich einen besaß. (...)"

Und das kann er praktisch immer weiter, denn die Ideen gehen ihm nie aus. Dass er diesen Roman wieder auf das bezauberndste bebildert hat, rundet den Lesegenuss vollends ab. Ein tolles Buch!

Unbedingt lesen!

Samstag, 26. September 2020

Erik Spiekermann: Ursache und Wirkung


ein typografischer Roman

Herr Spiekermann hat eine ungewöhnliche, aber dennoch sehr wichtige Profession: Er ist Typograf. Er gestaltet Schriften und befasst sich mit den Feinheiten des Schriftsatzes. 

"Braucht doch kein Mensch!" Werden Sie vielleicht jetzt sagen. "Dafür gibt es doch Computer." Und in der Tat provozieren die Rechenknechte immer mehr typografische Dilettanten, ihre Drucksachen selber zu gestalten. Und genau so sehen die dann auch aus. Schon bei einfachen PowerPoint-Präsentationen stehen mir gelegentlich ob des obszön zu nennenden Layouts die Haare zu Berge, aber da kann ich es verzeihen, denn solche Präsentationen sind vergänglich wie Eintagsfliegen. Geht das Eigenlayout aber dann in den Druck, hört für mich der Spaß auf. Eine Druckerei, die etwas auf sich hält, sollte sich schlicht weigern, so etwas auf Papier zu bringen.

Dieses Buch ist kein Lehrbuch. Es soll wohl lediglich dazu dienen, den geneigten Leser für schöne Typografie zu sensibilisieren. Das tut es auf äußerst unterhaltsame Weise, aber ein Roman ist es selbstverständlich nicht.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!


Freitag, 18. September 2020

Lilo Beil: Mädchen im roten Kleid

Der pensionierte Kripochef Friedrich Gontard geht einmal mehr seinem kostspieligen Hobby nach: Er treibt sich auf Versteigerungen herum und erwirbt Antiquitäten. Gemessen an seiner sonstigen Vorgehensweise ist er schlecht vorbereitet und lässt sich einfach von den angebotenen Stücken überraschen. Als am Ende der Auktion das Porträt eines Mädchens in einem roten Kleid feilgeboten wird, ist er deshalb wie vom Donner gerührt. Er kennt das Mädchen. Es ist Selma, seine Freundin aus Kindertagen. Als Tochter eines jüdischen Malers verschwand sie aus seinem Leben, als er selbst noch ein Kind war: Die Familie ging nach Südfrankreich ins Exil. Er ersteigert das Porträt für eine stattliche Summe. Als das Bild schließlich aus seiner Wohnung gestohlen wird und zudem die Leiche einer jungen Frau auftaucht, die mit dem portraitierten Kind eine gewisse Ähnlichkeit aufweist, beginnt für ihn eine Reise in die Vergangenheit.

Ich sage es einmal so: Eigentlich hatte ich mit dem Krimigenre abgeschlossen. Dachte, dass es an der Zeit sei, sich eher mit Sachbüchern und Klassikern zu beschäftigen. Eines Tages fand ich dann dieses Buch in meinem Briefkasten. Die Autorin hatte sich wohl daran erinnert, dass ich ihren Helden Gontard mag und auch sehr an den Rückblenden in ihren Romanen interessiert bin, die ins dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte führen. Da die von mir gelesenen Bücher der Frau Beil immer deutlich mehr Tiefgang hatten, als die meisten anderen mir bekannten Werke des Regionalkrimigenres, bin ich dann doch noch einmal rückfällig geworden. Und ich habe es nicht bereut. Irgendwann hatte mich das Buch regelrecht eingesaugt und ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen. Ein geradezu klassischer Kriminalroman mit historischem Hintergrund.

Ein tolles Buch! Lesen, und zwar unbedingt und sofort.




Mittwoch, 16. September 2020

Mary L. Trump: Zu viel und nie genug

Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf

Eine Psychologin äußert sich über Donald Trump. Das ist nun wirklich nicht neu. Seit mindestens vier Jahren analysieren Psychologinnen und Psychologen den erfolgreichen (?) Immobilienmogul, Milliardär (?), Reality-Showstar und nun Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Interessant an diesem Buch ist, dass die promovierte klinische Psychologin Mary L. Trump - der Name lässt es bereits vermuten - die Nichte dieses Mannes ist. Anders als ihre Kolleginnen und Kollegen erstellt sie also keine Ferndiagnose. Sie kennt den Mann persönlich und nicht nur aus der Zeitung. Das ist stellenweise recht spannend, manchmal liest es sich wie ein persönlich motivierter Rachefeldzug. Trotzdem: Ein wichtiges Buch, das zu Lesen ich uneingeschränkt empfehle. 

Kostprobe gefällig?

"Die Wände seiner teuren und gut bewachten Gummizelle beginnen sich aufzulösen. Die Menschen, die Zugang zu ihm haben, sind schwächer als er, feiger, aber ganz genauso verzweifelt. 

Ihre Zukunft hängt unmittelbar von seinem Erfolg und Wohlwollen ab. Sie können oder wollen nicht wahrhaben, dass ihr Schicksal das gleiche sein wird wie das derjenigen, die ihm in der Vergangenheit die Treue geschworen haben. Es scheint, als gäbe es einen endlosen Nachschub an Menschen, die willens sind, dem Club der Claqueure beizutreten, der Donald vor seinen Unzulänglichkeiten schützt und seinen völlig unbegründeten Glauben an sich selbst aufrechterhält. Auch wenn Donald von mächtigeren Menschen, als er selbst es ist, in die Institutionen eingesetzt wurde, die ihn von Anfang an abgeschirmt haben, sind es die Schwächeren, die ihm ermöglichen, sich dort zu halten."


Lesen! Und zwar unbedingt und sofort! 

Freitag, 28. August 2020

Ernest Hemingway: Der alte Mann und das Meer

 

Ein Freund hat mir diesen Klassiker empfohlen. Eine Erzählung auf gerade mal 70 Seiten, die seinen Autor nicht umsonst in Nobelpreishöhen geschossen hat. Wohin der schwerstkranke Autor sich später mit seiner Schrotflinte geschossen hat, gebe ich hier nicht wieder. Aber glaubt mir: Auch das spürt man in "Der alte Mann und das Meer".

Auch hier nehme ich euch nicht die Spannung und den Lesegenuss, indem ich etwas von der Handlung verrate. Nur so viel:

Noch nie hat mich eine kurze Erzählung derart berührt, wie diese. Ich bin erschüttert.

Lesen. Und zwar unbedingt und sofort!

Michael Landgraf: Der Protestant

Jakob Ziegler stammt aus einfachen, wenn auch keineswegs ärmlichen Verhältnissen. Sein Vater ist Weinhändler im Neustadt an der Haardt (heute: "an der Weinstraße") des 16. Jahrhunderts, und als sein ältester Sohn würde er normalerweise das elterliche Gewerbe beerben. Doch es kommt anders: Meister Bertram, der Schulmeister, der den Neustadter Buben das Lesen, Schreiben und Rechnen beibringt, entdeckt Jakobs Intelligenz und fördert seine Talente. Er überredet Jakobs Vater dazu, ihn auf die Stiftsschule zu schicken, ein Stipendium wird vermittelt und schließlich studiert der junge Mann in Heidelberg die Juristerei. 

Wie immer werde ich den Teufel tun, und hier die Handlung des Buchs spoilern!

Mit der fiktiven Figur des Jakob Ziegler führt uns Michael Landgraf durch die interessante Geschichte der Reformation in der Pfalz und in den deutschen Landen. Erzählt wird aus der Perspektive eines einfachen Bürgers, der, obschon für die damaligen Verhältnisse durchaus privilegiert, mit voller Wucht unter der Ständeordnung des ausgehenden Mittelalters zu leiden hat. Es riecht schon etwas nach dem Dreißigjährigen Krieg, der natürlich erst viel später stattgefunden hat.

Im Buch finden sich wunderschöne historische Holzschnitte, die die Handlung illustrieren. Wer aus der Pfalz stammt oder hier lebt erkennt die Handlungsorte wieder und freut sich über die präzisen Beschreibungen. Abgerundet wird das Lesevergnügen durch einen Anhang, der die Figuren des Romans erläutert und historisch einordnet. 

Ein wirklich gelungenes und spannendes Buch, das zu lesen ich von ganzem Herzen empfehle.


Montag, 17. August 2020

Karl Lauterbach: Der Zweiklassenstaat

Wie die Privilegierten Deutschland ruinieren

Irgendwie konnte ich mir doch nicht verkneifen, und hab zuerst dieses Buch fertig gelesen. Es war doch zu spannend, der Herr König möge es mir nachsehen:

Der ausgebildete Mediziner und Bildungsexperte der SPD hat dieses Buch bereits 2007, also vor 13 Jahren veröffentlicht. Er belegt detailliert, dass die in Deutschland bestehende zwei-Klassen Versorgung in Bildung, medizinischer Versorgung und Altenpflege nicht nur zutiefst ungerecht ist und soziale Schranken zementiert. Er weist anhand von Ländervergleichen und Statistiken nach, dass sie der Wirtschaft in höchstem Maße schadet und langfristig den Standort Deutschland gefährdet. Außerdem prognostizierte er eine tiefe Spaltung der Gesellschaft, ein Abwenden großer Bevölkerungsgruppen vom Staat, Ablehnung staatlicher Ordnung und gefährliche soziale Spannungen. Beklemmend, dass genau das eingetreten ist.

Aber er schlägt auch durchdachte Lösungen vor. 

Ein gutes und immer noch aktuelles Buch. Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Samstag, 8. August 2020

Ralf König: Roy und Al

Es ist tatsächlich passiert!

Mein Bücherdealer hat sich gemeldet: Alle bestellten Werke von Ralf König sind lieferbar, außer "Frankenstein", der erscheint erst im Herbst. Und heute bin ich, bewaffnet mit meinem Einkaufsrucksack, zur Ernte angetreten. Das war auch notwendig, denn ohne Rucksack hätte ich den Stapel nicht transportieren wollen. Ist ja klar, was jetzt passiert, oder? Alle anderen Bücher werden auf "Pause" geschaltet. Vielleicht schaffe ich diesen Berg neuer Comics so noch in der verbleibenden Woche der Sommerferien.

Den Anfang macht, ins Thema habe ich mich ja erst kürzlich eingelesen, "Roy und Al". Das ist quasi das Prequel zu "Roy und Al machen Männchen" oder der erste Teil einer zweiteiligen Serie, von der es hoffentlich noch viele Fortsetzungen geben wird. Das Buch schildert, wie Al seinen Dosenöffner kennengelernt hat, die erste Begegnung mit Roy und viele rasend komische Abenteuer, immer aus der besonderen Perspektive des Zwerfellterriers erzählt. Einer meiner Bücherdealer hat da wohl auch schon seine Nase reingesteckt und ist den Kollegen und Kolleginnen dabei durch übermäßiges Gekicher aufgefallen. 

Ich nehme hier gar nichts vorweg und sage nur: Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Donnerstag, 6. August 2020

Ralf König: Roy und Al machen Männchen!

Al ist ein reinrassiger Zwerchfellterrier. Ja, so etwas gibt es. Ich habe das überprüft. Er lebt zusammen mit seinem Kumpel Roy, einem dicklichen Mischlingsrüden. Also eigentlich geht Roy die meiste Zeit Al tierisch auf die Nerven, aber er ist unsensibel genug, um das nicht zu merken. Und nein: die beiden sind kein Paar, es sind klassische Heten. Al träumt von läufigen, jungen Terrierweibchen, die es ihm tüchtig besorgen. Zumindest meistens - das scheint zwischen Roy und Al noch nicht endgültig geklärt zu sein.

Ach ja: ihre beiden Herrchen leben auch mit ihnen zusammen. Die sind allerdings ein Paar. Und die tun, was Paare so tun: Sie lieben sich, sie streiten sich und sie versuchen sich fortzupflanzen. Da man sich gegenüber seinem Haustier in der Regel ungezwungener gibt, als gegenüber menschlichen Besuchern, können Roy und Al das sehr genau beobachten und kommentieren. Letzteres meist kopfschüttelnd. Diese und andere saukomische Abenteuer füllen dieses prächtige Comicbuch, das zu lesen ich hiermit dringend empfehle.

Bleibt nur noch anzumerken, dass ich einige der Comics aus der Feder des Meisters, die im Klappentext angepriesen werde, tatsächlich noch nicht kenne. Das beschämt mich, denn gegenüber dem Autor habe ich immer behauptet, ich habe ALLES von ihm gelesen. Aber da ich seit über 20 Jahren nicht mehr in einer Großstadt lebe, ist mein Zugriff auf einschlägige Fachgeschäfte sehr eingeschränkt. Mir fehlen zum Beispiel der Bonner Comicbuchladen oder die Bahnhofsbuchhandlung Chemnitz mit ihrer liebevoll bestückten Comicbuchabteilung. So sind mir vermutlich in den letzten Jahren einige Veröffentlichungen des Herrn König durch die Lappen gegangen. Das muss sofort nachgeholt werden. Den Bücherdealer meines Vertrauens wird es freuen.

Und jetzt: Lesen! Und zwar Zack-Zack!



Sonntag, 2. August 2020

Dirk Steffens, Fritz Habekuß: Überleben

Zukunftsfrage Artensterben: Wie wir die Ökokrise überwinden

Das brandaktuelle Buch der beiden Wissenschaftsjournalisten gliedert sich grob in zwei Teile:

Zunächst lehren die Autoren den Leser das Staunen über die Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten. Exemplarisch öffnen sie uns die Augen für die Komplexität einiger Ökosysteme, über das in Jahrmillionen ausbalancierte Zusammenwirken verschiedener Arten, die letzten Endes auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen sind. Sie zeichnen ein Bild grenzenloser Schönheit über das der Betrachter nur andächtig staunen kann. Im zweiten Teil klären uns die Autoren dann über das Ausmaß der menschlichen Eingriffe in diese komplexen Systeme auf. Hatte man eben noch die Tränen der Rührung in den Augen, so sind es im zweiten Teil Tränen des Zorns und der Trauer.

Wir haben inzwischen derart brutal in das Leben auf unserer Erde eingegriffen, dass es fast schon an ein Wunder grenzen würde, wenn wir das Ruder noch herumreißen könnten. Klimaerwärmung ist nur ein Aspekt, nur ein Symptom. Wir steuern mit Volldampf auf eine ökologische Katastrophe zu, die unumkehrbar zu einem Ausnahmezustand führen wird, der den Corona-Shutdown wie einen Waldspaziergang an einem lauen Frühlingstag erscheinen lässt.

Glücklicherweise lassen die Autoren ihre Leser nicht mit dieser Erkenntnis alleine. Sie zeigen auch Möglichkeiten auf, wie die Katastrophe noch abzuwenden ist. Aber ich bin da ja eher skeptisch.

Ein tolles und wichtiges Buch. Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Donnerstag, 23. Juli 2020

Timothy Snyder: Über Tyrannei

Zwanzig Lektionen für den Widerstand

Wer angesichts dieses Titels an auf dem Schwarzmarkt erworbene Handfeuerwaffen und selbst gebastelte Sprengsätze denkt, der wird von diesem Buch bitter enttäuscht werden. Vielmehr ging es dem Autor darum, uns für die Schwachstellen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu sensibilisieren. Worauf müssen wir besonders achten, damit die verfassungsmäßige Ordnung nicht ausgehöhlt wird? Woran erkennen wir Angriffe auf die Demokratie?

Angesichts der Ereignisse in den USA ist dies ein erschreckend aktuelles und visionäres Buch.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Freitag, 17. Juli 2020

Tim Marshall: Im Namen der Flagge

Die Macht politischer Symbole

Uff! Endlich wieder ein spannendes Buch. Nachdem ich mehrere dicke Schwarten angefangen und nicht zu Ende gelesen habe - und das mache ich wirklich nur in äußerst seltenen Fällen - bin ich mit diesem interessanten Sachbuch endlich wieder auf etwas gestoßen, dass ich gerne bis zum Ende verschlungen habe. Tim Marshall erläutert exemplarisch die Geschichte und Bedeutung einiger National- und anderer Flaggen. Das liest sich tatsächlich viel spannender, als es klingt, denn der Autor würzt seine Erzählungen mit allerlei skurrilen und interessanten Anekdoten. Beim Lesen vergeht deshalb die Zeit wie im Flug und ich war tatsächlich etwas enttäuscht, als ich die letzte Seite gelesen hatte. Oh nöh... Schon zu Ende?!

Ein gutes Buch. Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Freitag, 5. Juni 2020

Matthias Egersdörfer: Vorstadtprinz

Roman meiner Kindheit

Umschlagtext:
"Ich war jetzt ein kleines bisschen. Viel weniger als eine Löffelspitze Joghurt. Aber doch schon da, ich wuchs und wuchs heran, und alles war wunderbar. Ich schwappte in angenehm warmer Brühe einfach umher. Ab und zu gluckerte etwas, oder ein tiefer Bass ließ mich wohlig von oben bis unten vibrieren. Wenn mich etwas störte, weil es zu arg schwappte oder ein Sound mir missfiel, trat oder boxte ich einfach mit Schmackes ein paar Mal gegen die Wand. Sofort selige Ruhe. Keiner wollte etwas von mir, keine Termine, Vorwürfe oder Prüfungen. So hätte das bis in alle Ewigkeit weitergehen können, wenn es nach mir gegangen wäre."

Der Kabarettist und Schauspieler Egersdörfer erzählt Episoden aus seiner Embryonalzeit, seiner Kindheit und seiner Jugend. Das wäre nicht weiter spektakulär, wenn Herr Egersdörfer nicht mit einer derart überbordenden Phantasie und der gnadenlosen Beobachtungsgabe eines kamarabewehrten Polizeistaates ausgestattet wäre. Seine Metaphern stehen denen von Walter Moers in nichts nach, manche seiner kunstvoll gedrechselten Sätze und Wortgebilde könnten der Feder von Arno Schmidt entsprungen sein.

Eines der besten Bücher, das ich jemals gelesen habe.

Lesen! Unbedingt lesen. Sofort!

Sonntag, 17. Mai 2020

Martin Sonneborn: Herr Sonneborn geht nach Brüssel

Abenteuer im Europaparlament

Herr Sonneborn ist der Abgeordnete meines Vertrauens im Europaparlament. Gekonnt gibt er in Brüssel den Hofnarren. Als fraktionslosem Abgeordneten steht ihm im Plenum nur wenig Redezeit zu, deshalb sind seine offiziellen Ansprachen von erfrischender Kürze und beißender Schärfe. Doch er kann noch mehr. Als Mitglied des Europaparlaments stehen ihm Informationen und Einblicke hinter die Kulissen zur Verfügung, die dem Normaleuropäer normalerweise verborgen bleiben. Daran lässt er uns teilhaben und schärft so unseren Blick für Korruption und Vetternwirtschaft. Ich weiß nicht, ob ich dieses Buch brisant oder urkomisch finden soll - vermutlich ist es beides.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Mittwoch, 6. Mai 2020

Renate Alf: Cartoons für LehrerInnen

Ein sehr netter Happen zwischendurch.
Frau Alf weiß als gelernte Pädagogin genau, worum es in meinem Beruf geht. Gekonnt und pointiert nimmt sie die Freuden und Leiden des Lehrerberufs auf's Korn und auf die Schippe.

Selbstverständlich kenne ich die meisten dieser Cartoons aus den sozialen Netzwerken. Frau Alf ist sehr sehr großzügig und veröffentlicht viele ihrer Zeichnungen kostenlos. Und genau deshalb ist es für mich ebenfalls selbstverständlich, immer wieder eines ihrer Bücher zu kaufen. Die Kollegin lebt schließlich davon.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Mittwoch, 12. Februar 2020

Peter Hofmeister: Neustadt und seine 9 Weindörfer

Portale im 16. - 19. Jahrhundert

Fotodokumentation mit kurzen historischen Erläuterungen

Der (Unter-)Titel ist eigentlich selbsterklärend. Das Buch, welches der Autor im Jahr 2014 im Selbstverlag publiziert hat, enthält auf fast 150 Seiten zahlreiche Farbbilder von bemerkenswerten Türen und Toren in Neustadt und seinen Vororten. Die Bildunterschriften sind knapp, aber erhellend, die Qualität der Fotos hervorragend.

Das Büchlein gibt es leider nur noch antiquarisch oder als Restposten bei einigen wenigen Buchhändlern. Selbst der Bücherdealer meines Vertrauen scheute den Aufwand, es mir noch zu besorgen und verwies mich an den Mitbewerber, der noch ein einzelnes Exemplar im Fenster liegen hatte.

Ein schöner Bildband!

Montag, 3. Februar 2020

Martin Perscheid: Zur Plage der Nation

Sehr netter Happen zwischendurch:

Die Karikaturen von Martin Perscheid sind böse, pointiert hintersinnig, einfallsreich und irrsinnig komisch. Sie richten sich gegen Schwurbeltum und Religion, gegen besorgte Bürger und gegen unbesorgte. Jeder hat das Recht, von Martin Perscheid beleidigt zu werden.

Natürlich kenne ich (fast) alle Cartoons in diesem Buch aus dem Netz. Herr Perscheid ist sehr großzügig, und verteilt sie kostenlos über soziale Medien. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, halte ich es für richtig, ab und zu eines seiner Bücher zu kaufen. Oder zwei: Eines zum Selberlesen, das Zweite, um es zu verschenken.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Sonntag, 26. Januar 2020

Matthias Glaubrecht: Das Ende der Evolution

Der Mensch und die Vernichtung der Arten

Was der Zoologe, Evolutionsforscher und Wissenschaftsjournalist Glaubrecht in diesem dicken Buch an Fakten zusammengetragen hat, ist nicht mehr und nicht weniger als die unbequeme Wahrheit: Wir laufen nicht Gefahr, ein Massenaussterben auszulösen. Wir haben es bereits ausgelöst, und die Vernichtung von hunderttausenden von Spezies ist bereits in vollem Gange. Und ja: Der Titel des Buches ist überspitzt formuliert. Selbstverständlich wird es auf der Erde Evolution geben, solange auch nur ein replizierendes Makromolekül Kopien von sich selbst erzeugt. Aber wir, ja: wir, vernichten ganze Evolutionslinien, zerstören in Jahrmillionen ausbalancierte Systeme, wir fucken die Meere ab, wir planieren Landschaften in kontinentalen Dimensionen und wir hören einfach nicht auf, machen immer weiter und weiter. In so geballter Form hat mir das noch niemand um die Ohren gehauen.

Ich mache jetzt etwas, was ich noch nie getan habe, seit ich über gelesene Bücher schreibe: Ich breche ab und bespreche ein nicht bis zum Ende gelesenes Buch. Ich ertrage es nicht mehr. Ich habe ein abgeschlossenes Hochschulstudium in Biologie und einen Abschluss in Geographie. Ich bilde mir ein, dass ich beurteilen kann, ob ein Buch zu diesem Thema hysterische Panikmache darstellt oder nicht. Und dieses Buch enthält nach meinem Dafürhalten nichts als Fakten. Ich breche nach über fünfhundert von mehr als tausend Seiten ab, denn ich habe Angst um meine geistige Gesundheit.

Ich kann das nicht bis zum Ende lesen, obwohl es ein sehr gutes Buch ist.

Wer immer noch glaubt, dass wir die ökologischen Problem schon irgendwie in den Griff bekommen, der sollte hier mal seine Nase reinstecken.