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Mittwoch, 12. November 2025

Pia Klemp: Wutschrift

Wände einreissen, anstatt sie hochzugehen

Wut ist in unserer Gesellschaft noch immer tabuisiert. Man ist nicht wütend, man wütet nicht. Das gehört sich einfach nicht. 

Aber die Herausforderungen, vor denen wir inzwischen 8,3 Mrd. Menschen stehen sind gewaltig. Manchmal täte es uns gut, hier einmal etwas Wut zuzulassen. Wut kann eine starke Motivation sein. 

Die Missstände sind zahlreich und überwiegend von uns selbst verursacht: Klimawandel, Flucht und Vertreibung, Menschenquälerei in Bergbau und der industriellen Warenerzeugung, Tierquälerei in der Massentierhaltung, Regenwälder werden abgeholzt, indigene Bevölkerungsgruppen sterben aus oder besser: "werden ausgestorben" und, und, und... Ich könnte diese Liste endlos weiterführen. 

Frau Klemp fasst Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Problemkreisen zusammen und schlägt auch Lösungen vor. Wie immer mit sehr fundiertem Wissen und mit wohlgesetzten Worten. 

Und wie so oft, wenn ich ein Buch wirklich wichtig finde, habe ich es weiterverschenkt mit der Auflage: "Lies es, und verschenke es dann weiter". Ein Kettenbuch eben. 

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Montag, 9. Mai 2022

Jutta Ditfurth: Ulrike Meinhof

Die Biografie

Über dieses 2009 erschienene Buch habe ich irgendwo gelesen. Anders als es bei älterem Lesestoff sonst der Fall ist, habe ich es nicht gebraucht besorgt, sondern von meinem Bücherdealer ordentlich beim Verlag bestellen lassen. Ich glaubte, dass ich der Autorin noch etwas schulde. Am Anfang der 80er bin ich oft per Anhalter gefahren. Dabei hat mich in der Nähe von Bonn einmal ein Pärchen mitgenommen, in dessen weiblichem Teil ich Frau Ditfurth zu erkennen glaubte. Ihren Vater Hoimar von Ditfurth bewunderte ich zu diesem Zeitpunkt wegen seiner wegweisenden Wissenschaftssendung „Querschnitte“ schon seit einem halben Jahrzehnt, sie war mir als Gründungsmitglied dieser neuen Partei „Die Grünen“ inzwischen aber ebenfalls vertraut aus den Medien. Naturgemäß sieht man als Tramper die Fahrerin und den Beifahrer nur von hinten, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie es war. Sie meckerte noch ein Wenig, weil wir an einer denkbar ungünstigen Stelle den Daumen rausgehalten hatten, aber sie hat mich und meinen Freund mitgenommen und ordnungsgemäß an einer Bushaltestelle in der Nähe des Kanzleramts wieder rausgelassen. Wir waren quasi starr vor Ehrfurcht. Diese Schuld ist jetzt beglichen! So sieht’s aus, Frau Ditfurth.

Ich schweife schon wieder ab, es soll doch um dieses gute Buch gehen. An dessen Ende findet sich ein dicker Anhang mit dedizierten Quellennachweisen. Alle Aussagen in diesem Buch lassen sich belegen, so versichert die Autorin, auch wenn rund 1000 der verwendeten Quellen privat bleiben müssen und nicht im gedruckten Quellenverzeichnis zu finden sind. Es wundert mich nicht, dass hier das Ergebnis von sechs Jahren Recherchearbeit vor mir liegen. Das ist wichtig, denn die Autorin macht handfeste Aussagen nicht nur zu den objektiv dokumentierten Handlungen der Frau Meinhof, sie stellt auch gut begründbare Thesen zu ihrer Motivation auf. Es ist also ein Buch, welches nicht nur die Biografie der ehemaligen Top-Terroristin nachzeichnet, sondern auch erklärt wie es dazu kam. 

Und darum geht es. Das Buch soll nicht nur den Lebensweg von Frau Meinhof und die Ereignisse um die Studentenbewegung der späten 60er Jahre beschreiben, es soll auch erklären und deuten. So beginnt das Werk mit der Kindheit und den Ereignissen, die einen Menschen schon früh prägen und beeinflussen. Dadurch werden spätere Entscheidungen verständlicher, bestimmte Haltungen überhaupt erst plausibel. Die Kindheit in der Kriegs- und Nachkriegszeit, frühe Erfahrungen mit dem anderen und dem eigenen Geschlecht (bzw. die Unterdrückung dieser Erfahrungen) oder das Aufwachsen in einer Bundesrepublik, deren Repräsentanten teilweise noch das Blut aus der Nazidiktatur an den Händen klebte. Diese Liste der von der Autorin beleuchteten Einflussfaktoren ließe sich lange fortführen.

Wer immer schon einmal wissen wollte, warum eine junge, intelligente, gebildete, beruflich erfolgreiche und durchaus sympathische Frau zu einer der meist gesuchten und meist gejagten Personen der Zeitgeschichte werden konnte, zu einer Person, die schließlich von ihren Häschern systematisch zerbrochen und zerstört wurde: Mit dieser Biografie werden viele Rätsel gelöst und viele Fragen beantwortet. In sachlichem, fast dokumentarischen Stil schildert Frau Ditfurth das Leben und Sterben von Ulrike Meinhof und rührt trotz ihrer nüchternen Sprache immer wieder zu Tränen. 

Ein herausragendes Buch. Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Sonntag, 4. Juli 2021

Barack Obama: Ein verheißenes Land

Dass ein Staats- oder Regierungschef nach dem Ende seiner Amtszeit die Ereignisse während seiner Regierungszeit aus seiner Perspektive darstellt, ist meines Erachtens noch nichts Besonderes. Anders sehe ich das bei diesem Mann. Solange ich denken kann hat kein amerikanischer Präsident so viele Hoffnungen geweckt wie der Vierundvierzigste, keiner hat bei seinen Gegnern ähnliche Ängste allein durch seine bloße Existenz hervorgerufen und gegen keinen anderen mir bekannten US-Präsidenten wurden bislang eine derart hemmungslose Schmutzkampagnen geführt.

Er schildert den Ablauf des Wahlkampfs und die wichtigsten Ereignisse seiner zwei Amtsperioden, er zeigt auf, welche Opfer seine junge Familie bringen musste und erläutert die Sachzwänge, welche ihm in seiner Amtszeit Kompromisse abnötigten oder die Erfüllung von Wahlkampfversprechen gar unmöglich machten. 

Dieser Blick hinter die präsidialen Kulissen erweist sich als äußerst lehrreich und lässt sich wohl - in abgewandelter Form - auch auf die Regierenden in Europa übertragen. Einmal mehr wird mir klar, dass ich als Schulmeister genau den richtigen Beruf gewählt habe. Nie und nimmer möchte ich mit einem Politiker tauschen müssen. 

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Mittwoch, 16. September 2020

Mary L. Trump: Zu viel und nie genug

Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf

Eine Psychologin äußert sich über Donald Trump. Das ist nun wirklich nicht neu. Seit mindestens vier Jahren analysieren Psychologinnen und Psychologen den erfolgreichen (?) Immobilienmogul, Milliardär (?), Reality-Showstar und nun Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Interessant an diesem Buch ist, dass die promovierte klinische Psychologin Mary L. Trump - der Name lässt es bereits vermuten - die Nichte dieses Mannes ist. Anders als ihre Kolleginnen und Kollegen erstellt sie also keine Ferndiagnose. Sie kennt den Mann persönlich und nicht nur aus der Zeitung. Das ist stellenweise recht spannend, manchmal liest es sich wie ein persönlich motivierter Rachefeldzug. Trotzdem: Ein wichtiges Buch, das zu Lesen ich uneingeschränkt empfehle. 

Kostprobe gefällig?

"Die Wände seiner teuren und gut bewachten Gummizelle beginnen sich aufzulösen. Die Menschen, die Zugang zu ihm haben, sind schwächer als er, feiger, aber ganz genauso verzweifelt. 

Ihre Zukunft hängt unmittelbar von seinem Erfolg und Wohlwollen ab. Sie können oder wollen nicht wahrhaben, dass ihr Schicksal das gleiche sein wird wie das derjenigen, die ihm in der Vergangenheit die Treue geschworen haben. Es scheint, als gäbe es einen endlosen Nachschub an Menschen, die willens sind, dem Club der Claqueure beizutreten, der Donald vor seinen Unzulänglichkeiten schützt und seinen völlig unbegründeten Glauben an sich selbst aufrechterhält. Auch wenn Donald von mächtigeren Menschen, als er selbst es ist, in die Institutionen eingesetzt wurde, die ihn von Anfang an abgeschirmt haben, sind es die Schwächeren, die ihm ermöglichen, sich dort zu halten."


Lesen! Und zwar unbedingt und sofort! 

Freitag, 5. Juni 2020

Matthias Egersdörfer: Vorstadtprinz

Roman meiner Kindheit

Umschlagtext:
"Ich war jetzt ein kleines bisschen. Viel weniger als eine Löffelspitze Joghurt. Aber doch schon da, ich wuchs und wuchs heran, und alles war wunderbar. Ich schwappte in angenehm warmer Brühe einfach umher. Ab und zu gluckerte etwas, oder ein tiefer Bass ließ mich wohlig von oben bis unten vibrieren. Wenn mich etwas störte, weil es zu arg schwappte oder ein Sound mir missfiel, trat oder boxte ich einfach mit Schmackes ein paar Mal gegen die Wand. Sofort selige Ruhe. Keiner wollte etwas von mir, keine Termine, Vorwürfe oder Prüfungen. So hätte das bis in alle Ewigkeit weitergehen können, wenn es nach mir gegangen wäre."

Der Kabarettist und Schauspieler Egersdörfer erzählt Episoden aus seiner Embryonalzeit, seiner Kindheit und seiner Jugend. Das wäre nicht weiter spektakulär, wenn Herr Egersdörfer nicht mit einer derart überbordenden Phantasie und der gnadenlosen Beobachtungsgabe eines kamarabewehrten Polizeistaates ausgestattet wäre. Seine Metaphern stehen denen von Walter Moers in nichts nach, manche seiner kunstvoll gedrechselten Sätze und Wortgebilde könnten der Feder von Arno Schmidt entsprungen sein.

Eines der besten Bücher, das ich jemals gelesen habe.

Lesen! Unbedingt lesen. Sofort!

Samstag, 3. November 2018

Timothy Snyder: Der Weg in die Unfreiheit

Russland 
Europa 
Amerika
Snyder analysiert die derzeitige politische Krise und den Aufstieg rechtsgerichteter Regimes überall in der Welt. Er kommt zu dem Schluß, dass es sich hierbei um von Russland bewusst herbeigeführte bzw. geförderte Veränderungen handelt. Sie haben zum Ziel, konkurrierende Mächte zu schwächen und den Zerfall Europas und der USA herbeizuführen.

Zunächst dachte ich, dass ich hier das Werk eines Verschwörungstheoretikers in der Hand habe, so absonderlich kamen mir die Gedankengänge vor. Doch weit gefehlt: Der Autor ist Historiker und lehrt an der renommierten Yale-Universität. Am Ende seines Buches listet er auf über 60 (!) Seiten die verwendeten Quellen auf und untermauert dabei, Seite für Seite, jede einzelne aufgestellte Behauptung.

Wenn auch nur 10% vom Inhalt dieses Buches wahr sind, dann müssen wir uns warm anziehen oder nach Uruguay auswandern.

Ein wichtiges und haarsträubendes Buch. Lesen, und zwar augenblicklich!

Donnerstag, 9. August 2018

Hasnain Kazim: Post von Karlheinz

Wütende Mails von richtigen Deutschen - und was ich ihnen antworte
Der Autor und Journalist Hasnain Kazim erhält ständig unangenehme Post per Email, über soziale Netzwerke oder ganz klassisch auf Papier. Mal wird er als Islamist beschimpft, als Jude angefeindet oder einfach wegen seines fremd klingenden Namens oder seiner dunklen Haut angepöbelt. Immer tief unter die Gürtellinie mit frei erfundenen Vorwürfen oder Behauptungen, gerne auch mit fragwürdiger Rechtschreibung und Interpunktion. Er beschließt, den Briefeschreibern zu antworten. Nicht belehrend, sondern auf Augenhöhe. So pöbelt er verhalten und kumpelhaft zurück, veralbert die Autoren der Briefe oder weist sie scherzend auf Fehlschlüsse hin. Es ergeben sich interessante Dialoge mit nicht immer erfreulichem Ende. Aber hin und wieder eben doch erfreulich. Nämlich wenn der Briefeschreiber anfängt, nachzudenken.

Ein gutes und wichtiges Buch. Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Mittwoch, 13. Juni 2018

Axel Hacke: Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen

Warum sinken im Umgang miteinander immer mehr die Schamgrenzen?Was veranlasst ganz normale Leute, in sozialen Netzwerken, Internetforen oder in Kommentaren unter Artikeln von Journalisten herumzupöbeln, sich im Tonfall zu vergreifen und jedes Augenmaß für einen anständigen Umgang mit den Mitmenschen zu verlieren? Und wie gehen wir damit um, wenn wir derart angefeindet werden.

Axel Hacke nähert sich einem Phänomen, das mich selbst schon mehrfach beschäftigt hat. Schon bei meinem allerersten Kommentar in einem Internetforum wurde ich sofort von einem mir unbekannten Menschen angegriffen und beschimpft. Langsam beginne ich zu verstehen.

Ein gutes und wichtiges Buch!

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Mittwoch, 4. April 2018

Till Reiners: Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen

Begegnungen mit besorgten Bürgern

Till Reiners ist eigentlich Comedian. Trotzdem macht er sich mit seinem ersten Buch an ein sehr ernstes Thema: Er versucht, die Ängste und Sorgen der neuen Rechten zu ergründen. Er spricht mit Pegida-Anhängern, AFD-Politikern und auch mit Neonazis (die sich selbst natürlich nie so nennen würden). Er taucht völlig in diese Gedankenwelt ein und setzt sich damit auseinander. Er möchte wirklich Verstehen. Deshalb öffnen sich auch seine Gesprächspartner sehr weit, und er erhält so einen Einblick in ihre Filterblase.

Ein gutes und wichtiges Buch. Überhaupt nicht lustig.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

P.S.: Mit diesem Buch lernte ich auch eine neue Technik des Umgangs mit Büchern kennen. Ich erhielt es völlig unverhofft von einem Freund als Geschenk. Verbunden war dieses Geschenk mit zwei Auflagen:

  1. Lies es!
  2. Verschenke es dann weiter.
Ich finde, dass das eine tolle Idee ist und habe es heute weiterverschenkt. Ab sofort nenne ich alle Bücher, die ich auf diese Weise erhalte oder verschenke "Kettenbuch".

Samstag, 9. April 2016

Armin Himmelrath: Hausaufgaben - nein Danke!

Was der studierte Lehrer und Journalist in seinem Buch zusammenträgt, ist nicht mehr und nicht weniger als eine Kampfansage an einen Institution im deutschen Bildungswesen: die Hausaufgaben. Akribisch trägt er aus wissenschaftlicher und journalistischer Literatur Belege zusammen, die seine Thesen stützen:

  • Hausaufgaben sind in fast allen Fächern unwirksam im Sinne einer Vertiefung von Lernstoff und dem Einüben selbständigen Arbeitens,
  • Hausaufgaben führen zu einer sozialen Selektion an den Schulen, indem sie die Schülerinnen und Schüler mit den ohnehin schon besseren Voraussetzungen bevorzugen,
  • Hausaufgaben verführen zu Betrug und Lügen.

Himmelrath argumentiert schlüssig und belegt seine Aussagen. Er analysiert genau, in welcher Weise Hausaufgaben Unfrieden in die Familien bringen und schlägt andere Organisationsformen von Schule vor, die diese schädlichen Effekte nicht haben. Ganz nebenbei erklärt er auch noch das bestehende Benotungssystem und das Sitzenbleiben für schädlich und reformbedürftig.

Schon seit meinem Referendariat hatte ich immer wieder das Gefühl, dass in dem Schulsystem in dem ich arbeite, irgendetwas nicht stimmt. Dieses Buch habe ich deshalb mit großem Interesse gelesen. Ich empfehle es allen Kolleginnen und Kollegen sowie Eltern zur Lektüre. Selbst wenn man am Ende nicht mit den Schlussfolgerungen des Autors übereinstimmt, so helfen seine Analysen dennoch, mögliche Fehler im System Schule zu finden und zu vermeiden.