Sonntag, 16. September 2018

Heinz Strunk: Der goldene Handschuh

Wir befinden uns im Hamburg der 70er Jahre. Es ist die Zeit der kurzen Röcke, freizügiger Zeitschriftencover und scheinbarer sexueller Freiheit. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus in dem Viertel, wo überall noch der Muff von tausend Jahren aus der Kanalisation aufsteigt. Hier leben die Abgehängten, die Opfer und die Täter des Krieges und der Nachkriegszeit. Verlorene Seelen, die einfach nicht wieder Fuß fassen konnten: Ehemalige Soldaten, die bei der Fremdenlegion untergetaucht sind, und jetzt die traumatisierenden Bilder in ihren Köpfen nicht mehr los werden. Ein DDR-Flüchtling, der als Jugendlicher im Westen auf einem Bauernhof ausgebeutet, misshandelt und vergewaltigt wurde, eine ehemalige KZ-Zwangsprostituierte, die heute als alte Frau für eine Flasche Schnaps die Beine breit macht.

Hier lebt auch Fritz Honka, genannt Fiete. Er kehrt regelmäßig im "goldenen Handschuh" ein, einer heruntergekommenen Nebenstraßenkneipe, die man mit Fug und Recht als Spelunke bezeichnen kann. Für ein paar Mark besäuft er sich hier mit Fanta-Korn, kurz FaKo. Und hier findet er auch Frauen, die er mit in seine Wohnung nimmt, um sie dort für sich arbeiten zu lassen, sie sexuell auszubeuten und schließlich, meist im Affekt und im Suff, umzubringen. Anschließend zerstückelt er ihre Leichen und versteckt sie auf dem Dachboden, wo es mit der Zeit immer strenger riecht.

Fritz Honka war einer der bekanntesten und erschreckendsten Serientäter in der nicht mehr ganz jungen Bundesrepublik. Heinz Strunk verschafft uns mit seinem ersten nicht autobiografischen Roman einen Einblick in das Seelenleben eines Massenmörders. Und diese Aussicht ist schier unerträglich.

Lesen! Und zwar unbedingt und sofort!

Freitag, 7. September 2018

John Connolly: Stan

Mit seinem Roman wagt der irischen Autor eine Nacherzählung des Lebens- und Leidenswegs des besten und wohl auch berühmtesten Komikerduos der Filmgeschichte. Dabei berichtet er so ganz nebenbei von einer unglaublich tragischen Liebesbeziehung. Mister Laurel und Mister Hardy waren zwar beide den Frauen durchaus zugetan, liebten aber letzten Endes nur einander. Als Oliver Hardy nach einer Serie von Schlaganfällen der Fähigkeit zu sprechen beraubt war, hörte auch sein Freund Stan Laurel auf, sich der Sprache in dessen Anwesenheit zu bedienen. Beide verständigten sich fortan nur noch mimisch und gestisch. Wie in einem Stummfilm. Nach Babe Hardys Tod schrieb Stan noch jahrelang Drehbücher und Sketche für sich und seinen Freund. Drehbücher und Sketche, die nie verfilmt wurden, weil sie ohne Babe nicht funktioniert hätten. Und weil Stan Laurel ohne Babe Hardy nicht mehr hätte arbeiten wollen.

Ich habe beim Lesen dieses biographischen Romans laut gelacht und leise geweint. Kopfkino vom Allerfeinsten. Was will man mehr?

Lesen. und zwar unbedingt und sofort!

Montag, 27. August 2018

Flix: Spirou in Berlin

Spirou, Fantasio und Fips verschlägt es in diesem Abenteuer ins noch geteilte Berlin kurz vor dem Mauerfall. Die Geschichte folgt den bekannten Handlungsmustern der Serie und es tauchen neben zeitgeschichtlich bedeutsamen Personen auch die aus der Reihe bekannten Protagonisten auf. Was mich gleichermaßen irritiert und begeistert ist die Vertrautheit der Spielorte und des Zeitgeistes. Eigentlich hätten wir uns durchaus begegnen können, denn als junger Mann war ich sehr oft in Berlin, so auch innerhalb des Zeitfensters, in dem diese Geschichte spielt.

Dass ein deutscher Zeichner sich des traditionsreichen frankobelgischen Comicepos annehmen darf, ist alleine schon eine Sensation. Wie brillant und souverän er in das Ökosystem um den ehemaligen Hotelpagen und seinen Journalistenfreund einsteigt, merkt man erst garnicht. Man liest die Geschichte, und fühlt sich sofort zuhause. Flix setzt die Serie ohne Bruch einfach nahtlos fort, und vermittelt dabei auch noch Kenntnisse über einen Teil der jüngeren deutschen Vergangenheit. Die sensible und dem Thema angemessene Farbgestaltung des Commiczeichnerkollegen Marvin Clifford trägt dabei zum stimmigen Gesamtbild wesentlich bei.

Ich wünsche diesem wunderschönen Comicbuch so viele Leser, wie Menschen auf diesem Planeten leben!

Samstag, 25. August 2018

Peter James: Stirb ewig

Der erste Fall für Roy Grace
Bei seinem Junggesellenabschied wird Michael ein makaberer Streich gespielt: Er wird von seinen Freunden in einen mit einem Luftschlauch versehenen Sarg gelegt und lebendig begraben. Ein paar Stunden wollen sie ihn in der Kiste schmoren lassen, als Rache für vergangene Streiche, die er selbst auf dem Kerbholz hat. Keine halbe Stunde später werden die vier Junggesellenkumpels auf dem Weg in den nächsten Pub in einen Unfall verwickelt und sind augenblicklich tot. Niemand mehr da, der Michael aus seiner prekären Lage befreien könnte. Außerdem fängt es an zu regnen, und in dem halb zugeschaufelten Grab steigt der Wasserspiegel. Die Zeit wird knapp. Doch alles kommt noch schlimmer. Viel schlimmer.

Ein bis an den Rand des Herzinfarkts spannender Roman, aus dem Hitchcock zweifellos einer brillanten Film gemacht hätte. Ihn zwischendurch wegzulegen ist nahezu unerträglich. Fast schon zu spannend. Ich weiß nicht, ob ich solche Bücher mehr als einmal im Jahr verkrafte.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Mittwoch, 22. August 2018

B. C. Schiller: Targa

Der Moment, bevor du stirbst
Falk Sandmann hat eine bemerkenswerte Obsession: Er ist so besessen von den letzten Worten Sterbender, dass er praktisch sein ganzes Leben dieser Leidenschaft unterordnet. Er betreibt einen gut gehenden Blog, in dem er gesammelte Tondokumente anbietet und kommentiert. Hier bieten ihm Verwandte von Sterbenden an, den Todesmoment ihrer Liebsten zu begleiten und zu dokumentieren. Sie versprechen sich Trost davon. Doch dabei bleibt es nicht. Falk Sandmann tötet auch selbst. Und dem hochintelligenten, charismatischen und gut aussehenden Hochschuldozenten fällt es leicht, sich immer neue Todeskandidatinnen gefügig zu machen.

Da die Polizei ihm nichts beweisen kann und er zudem Protektion von allerhöchster Stelle genießt, setzen sie schließlich Targa Hendricks auf ihn an. Die gefühlskalte Sonderermittlerin wird under cover bei dem Serienkiller eingeschleust. Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt. Doch wer ist die Maus? Und wer die Katze?

Ein weiterer spektakulärer Thriller aus der Tastatur des Autorenteams Barbara und Christian Schiller. So spannend und psychologisch durchdacht, dass man Mühe hat, das Buch zwischendurch wegzulegen.

Lesen! Und zwar unbedingt und sofort!

Freitag, 17. August 2018

Marco Bollheimer: Burgenkompaktführer Nordvogesen

Elsässer & Lothringer Wasgau - 28 Burgen, Anfahrt und Anmarsch -
Bei eines so kleinen Bändchen kann ich mich guten Gewissens kurz fassen. Das Buch hält genau, was Titel und Untertitel versprechen: Sehr kompakte Informationen zu den Ausflugszielen, immer mit aussagekräftigen Bildern und reichlich Sicherheitshinweisen. Für den burgenbeflissenen Wanderer sehr zu empfehlen.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

B. C. Schiller: Immer wenn du tötest

Ein Fall für Targa Hendricks
Freya von Rittberg ist eine geachtete und überaus erfolgreiche Künstlerin im exzentrischen Berlin. Unter anderem malt sie Bilder mit menschlichem Blut und veranstaltet bizarre Performance-Kunst. Außerdem steht sie im Focus des BKA. Sie wird verdächtigt, an den Morden an drei jungen Menschen in einem stillgelegten Schlachthaus beteiligt zu sein. Zu auffällig ist der Zusammenhang zwischen der Präsentation der blutleeren Leichen und ihrer Kunst. Targa Hendricks, die gefühlskalte Sonderermittlerin, wird auf sie angesetzt. Sie bewirbt sich um eine Position im Personenschutz der Künstlerin.

Ich habe selten einen psychologisch derart ausgefeilten Thriller gelesen. Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Dienstag, 14. August 2018

Cixin Liu: Weltenzerstörer

Die "drei Sonnen"-Trilogie von Cixin Liu steht kurz vor der Vollendung. Ich kann es vor Spannung nicht aushalten, ohne mir die Nägel bis zu den Schultern abzukauen. Also füttere ich die Junkievenen mit Surrogatextrakt.

In dieser Novelle, die wohl aus dem Jahr 2012 stammt, taucht ein technologisch fortschrittlicher Kristall auf und kündigt das Ende der Welt an. In der Tat nähert sich dem Sonnensystem ein gewaltiges Objekt, welches sich anschickt, die Planeten bis aufs Blut auszuquetschen.

Die Herkunft der weltenzerstörerenden Parasiten ist ebenso überraschend wie naheliegend.

Ein tolles Buch. Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Sonntag, 12. August 2018

Amanda Kissel: Apollonias Kiste

Apollonia Friedinger war eine lebenslustige und exzentrische Frau. Mit deutlich über 80 Jahren verstirbt sie an einem Herzinfarkt und hinterlässt ihren jüngeren Bruder, zwei Töchter, zwei Enkelinnen und zwei Urenkelinnen. Doch da sie von ihrer schweren Herzerkrankung wusste, ging sie nicht unvorbereitet. Mit viel Sorgfalt plante sie ein wunderbares Abschiedsgeschenk für ihre Nachkommen. Doch dieses Geschenk liegt nicht einfach unter dem Weihnachtsbaum. In halb Europa hat Apollonia Dinge bestellt, die ihre Enkelin Katja zusammen mit Töchterchen Zoe nun abholen. Dabei erfahren sie Überraschendes über Apollonia und auch unbequeme Wahrheiten über die Familie. Und dabei wächst die Familie nach und nach wieder zusammen.

Was soll ich sagen? Ein wunderbares Buch, das mich teilweise zu Tränen gerührt hat. Und das nicht wegen der Liebesgeschichte, die in den Roman eingebaut ist.

Schön auch, dass sich inzwischen ein renommierter Verlag des Romans angenommen hat. Dort hat man dem Buch ein professionelles Lektorat, einen neuen, deutlich hübscheren, Einband spendiert und gegenüber der im Selbstverlag bei Amazon gedruckten Erstauflage auch die Typographie verbessert. Außerdem erscheint der Roman jetzt unter dem echten Namen der Autorin: Ursula Kissel.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Donnerstag, 9. August 2018

Hasnain Kazim: Post von Karlheinz

Wütende Mails von richtigen Deutschen - und was ich ihnen antworte
Der Autor und Journalist Hasnain Kazim erhält ständig unangenehme Post per Email, über soziale Netzwerke oder ganz klassisch auf Papier. Mal wird er als Islamist beschimpft, als Jude angefeindet oder einfach wegen seines fremd klingenden Namens oder seiner dunklen Haut angepöbelt. Immer tief unter die Gürtellinie mit frei erfundenen Vorwürfen oder Behauptungen, gerne auch mit fragwürdiger Rechtschreibung und Interpunktion. Er beschließt, den Briefeschreibern zu antworten. Nicht belehrend, sondern auf Augenhöhe. So pöbelt er verhalten und kumpelhaft zurück, veralbert die Autoren der Briefe oder weist sie scherzend auf Fehlschlüsse hin. Es ergeben sich interessante Dialoge mit nicht immer erfreulichem Ende. Aber hin und wieder eben doch erfreulich. Nämlich wenn der Briefeschreiber anfängt, nachzudenken.

Ein gutes und wichtiges Buch. Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Sonntag, 5. August 2018

Brandon Q. Morris: Jupiter

Arthur Eigenbrodt kann es nicht fassen: Sein Chef hat ihn zu Recherchezwecken auf eine private Orbitalstation geschickt. Und nun liegt er, eingezwängt in einen Druckanzug, in einer startbereiten Rakete. Er soll dort ein ehemaliges Mitglied einer Asteroidenbergbaucrew suchen, die vor einigen Jahren dabei geholfen hat, die Welt zu retten. Es handelt sich um einen Querschnittsgelähmten italienischen Koch, der nun auf der Orbitalstation das erst Sternerestaurant im Weltall betreibt. ImLaufe seiner Recherchen wird er auch die inzwischen deutlich gealterten Mitglieder der zweiten Enceladus-Expedition aufsuchen. Sie wohnen inzwischen in aller Welt verstreut. Letzten Endes bringt er sich dabei sogar in Lebensgefahr, nämlich als er der Leiterin des russischen RB-Konzerns und Tochter des Firmengründers Schostakowitsch zu nahe kommt.

Der Autor verbindet hier die Erzählstränge seiner drei Romanreihen (Eismond, Proxima und Sonne) und beantwortet ein paar offene Fragen. Als Abschluss der drei Reihen ein toller Band!

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Samstag, 21. Juli 2018

Brandon Q. Morris: Silent Sun

Artem ist ein Dieb. Zusammen mit seiner überaus cleveren Hündin Sobatschka bestiehlt er den RB-Konzern des russischen Multimilliardärs Schostakowitsch. Dank des klugen Hundes gelingt es ihm immer wieder, wertvolle Mineralien von der Asteroidenbergwerken zu entwenden, kurz bevor sie abtransportiert werden. Da er die Frachtcontainer anschließend sorgfältig verschließt, werden seine Diebstähle erst Monate oder Jahre später bemerkt. Er wähnt sich sicher. Doch er rechnet nicht mit der Hartnäckigkeit der Mitarbeiter des RB-Konzerns. Man ertappt ihn und schlägt ihm einen Deal vor, denn man will sich seine Fähigkeiten zunutze machen. Das Abenteuer seines Lebens beginnt.

Sorgfältig auf zumindest theoretische Machbarkeit bedacht sind die Romane des unter einem Pseudonym schreibenden deutschen Physikers glaubwürdig und äußerst spannend.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Samstag, 14. Juli 2018

Charlotte Kerner (Hrsg.): Die nächste GENeration

Science + Fiction
Für dieses Buch wurde eine Menge zusammengestellt: Wissenschaftliche Sachtexte wechseln sich ab mit spannenden Kurzgeschichten und Interviews mit Ethikforschern und Genetikern. Abgerundet wird der Band mit Michael Najjars Portraits. Diese sind am Computer nachbearbeitet und zeichnen ein leicht gruseliges Bild von unserer Zukunft. Denn um die geht es. Genauer gesagt um die genetische Zukunft der Menschheit. Diese wird von allen Seiten beleuchtet. Die Sachtexte sind dabei so fundiert, dass ich mit dem Gedanken Spiele, sie im Unterricht einzusetzen.

Ein tolles Buch. Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Samstag, 30. Juni 2018

Martin Walker: Germany 2064

Polizeihauptkommissar Aguilar ermittelt im Deutschland des Jahres 2064. Sein Partner im Ermittlerteam ist ein ziemlich fortschrittlicher Roboter. Es geht um das Verschwinden einer jungen Sängerin. Es geht um von professionell organisierten Diebesbanden gestohlene Medikamente. Aber in Wirklichkeit geht es um viel mehr.

Das eigentlich spannende an diesem Kriminalroman ist das Szenario, in dem die Geschichte stattfindet. Deutschland muss sich verändern, wenn es den Herausforderungen der Zukunft entgegentreten will. Martin Walker durchdenkt das konsequent, und so sehen wir ein Deutschland, das sich völlig verändert hat.

Ein großartiges Buch, das zu lesen ich unbedingt empfehlen kann.

Mittwoch, 13. Juni 2018

Axel Hacke: Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen

Warum sinken im Umgang miteinander immer mehr die Schamgrenzen?Was veranlasst ganz normale Leute, in sozialen Netzwerken, Internetforen oder in Kommentaren unter Artikeln von Journalisten herumzupöbeln, sich im Tonfall zu vergreifen und jedes Augenmaß für einen anständigen Umgang mit den Mitmenschen zu verlieren? Und wie gehen wir damit um, wenn wir derart angefeindet werden.

Axel Hacke nähert sich einem Phänomen, das mich selbst schon mehrfach beschäftigt hat. Schon bei meinem allerersten Kommentar in einem Internetforum wurde ich sofort von einem mir unbekannten Menschen angegriffen und beschimpft. Langsam beginne ich zu verstehen.

Ein gutes und wichtiges Buch!

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Donnerstag, 7. Juni 2018

Christian von Ditfurth: Böse Schatten

Zufällig findet man in Hamburg die Leiche eines vor 25 Jahren ermordeten Menschen. Die Knochen weisen eindeutige Folterspuren auf. Da Mord nicht verjährt, werden Ermittlungen aufgenommen, in die der Historiker Josef Maria Stachelmann einbezogen wird. Doch schon bald wird der Sachverständige viel tiefer in den Fall hineingezogen, als ihm lieb sein kann. Es wird zusehends gefährlich für ihn und sein Umfeld.

Ein weiteres spannendes Buch aus der Feder des Herrn von Ditfurth. Und wieder habe ich mir von meinem Bücherdealer die gesamte Reihe besorgen lassen. Das wird ein herrlicher Lesesommer!

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Dienstag, 5. Juni 2018

Ildefonso Falcones: Die Erben der Erde

Hugo Llor hat es als Halbwaise im Barcelona des ausgehenden Mittelalters nicht leicht. Mittellos verdingt er sich auf der Werft des Arnau Estranyol als Träger der Eisenkugel, die einen kriegsgefangenen Genueser Schiffbaumeister an der Flucht hindern soll. Doch die relative Sicherheit dieses bescheidenen Einkommens bleibt ihm nicht lange erhalten. Wegen einer alten Fehde muss er das Viertel verlassen. Außerdem sieht sich seine Mutter gezwungen, erneut zu heiraten. Ihr neuer Ehemann, ein gewalttätiger Trunkenbold, weigert sich jedoch, Hugo aufzunehmen. So ist der Junge auf sich selbst gestellt.

In Ildefonso Falcones Roman versinkt man geradezu in der Welt des endenden Mittelalters. Geschichtliche Ereignisse werden geschickt mit der Romanhandlung verwoben. Man durchlebt und durchleidet geradezu das Leben im ausgehenden 14. und am Anfang des 15. Jahrhunderts.

Ein tolles Buch, das zu lesen ich unbedingt empfehlen kann.

Sonntag, 27. Mai 2018

Matthias Brandt: Raumpatrouille

Geschichten
Hier werden Geschichten erzählt aus einer Kindheit, die sich in einem kleinen rheinischen Planeten namens Bonn zugetragen hat. Kleine, feine Jungenabenteuer, die jedem so ähnlich hätten passieren können, der in dieser Zeit irgendwo am Rhein groß geworden ist. Aber eben nur so ähnlich: Hier erzählt der Sohn des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt. Und die Geschichten seiner Kindheit ermöglichen uns nun Einblicke in das Leben im ehemaligen Machtzentrum der Bundesrepublik Deutschland der 70er Jahre. Teilweise skurril, immer ein wenig schräg und sehr unterhaltsam.

Ein tolles Buch, ein schönes Stück Zeitgeschichte.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Donnerstag, 24. Mai 2018

Christian Habekost: Gebrauchsanweisung für die Pfalz

Christian Habekost, weit gereister Comedian, Kabarettist, Mundart-Dichter und Pfälzer gelingt, was wohl nur einem Pfälzer gelingen kann, der auch schon woanders gelebt hat: Der liebevoll-kritische Blick von außen, verständnisvoll, ironisch und humorvoll. Der Mann kennt seine Pfälzer und er schätzt sie auch. Mir als Zugereistem hat das Buch erneut geholfen, die Mentalität der Menschen zwischen Rhein und Haardt besser zu verstehen.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Mittwoch, 16. Mai 2018

Christian von Ditfurth: Heldenfabrik

Acht von zehn Vorstandsmitgliedern eines Chemiekonzerns werden bei einem geradezu spektakulären Anschlag getötet. Profiarbeit der Extraklasse: Keine Spuren und selbst die Leichen werden extravagant und symbolträchtig präsentiert. Hauptkommissar DeBodt, frisch nach Berlin versetzt, steht vor einem Rätsel. Aber er will es lösen, und er wird es lösen.

Christian von Ditfurth ist, soviel steht fest, einer der besten, wenn nicht sogar der beste, Krimiautor Deutschlands.

Lesen! Und zwar unbedingt und sofort!

Mittwoch, 9. Mai 2018

Brandon Q. Morris: The Hole

Ein kleines Team schürft auf einem Asteroiden nach wertvollen Rohstoffen. Das Leben dieser Gruppe ist langweilig, aber berechenbar und planbar: irgendwann hat jedes Mitglied der Mannschaft genügend Geld verdient, um sich auf einer hübschen Insel zur Ruhe zu setzen.

Doch es kommt alles ganz anders: Ein seltsames Objekt aus der Frühzeit des Universums dringt in das Sonnensystem ein, und droht, dieses zu zerstören. Die Asteroidenbergleute werden auf einmal zur einzigen Hoffnung der Erdbevölkerung. Nur sie haben eine Chance, die Katastrophe abzuwenden.

Ein unglaublich spannender Roman, der genau so passieren könnte.

Lesen, aber Zack-Zack!

Samstag, 28. April 2018

Brandon Q. Morris: Proxima Dreaming

Marchenko bleibt ruhig und besonnen. Sein Körper ist fast völlig zerstört, sein Schützling Eva tappt inmitten des fremdartigen Gebäudes auf Proxima Centauri B von einem Fettnäpfchen ins nächste und von seinem Kind Adam hat er auch schon lange nichts mehr gesehen oder gehört. Die Situation ist hoffnungslos. Als dann auch noch eines der im Tiefschlaf befindlichen außerirdischen Wesen beginnt, aufzuwachen und aktiv zu werden, wähnen sich Marchenko und Eva am Ende ihrer Mission angekommen. Doch in den Romanen des deutschen Physikers mit dem Pseudonym Brandon Q. Morris kommt es immer anders, als man es als Leser zunächst denkt.

Science fiction im besten Wortsinn, Suchtstoff und spannend bis zum Nägelabkauen. Um mich kurz zu fassen: Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Dienstag, 24. April 2018

Cixin Liu: Der dunkle Wald

Der zweite Teil der Trisolaris-Trilogie nimmt zunächst ganz langsam Fahrt auf. Wie ein Ionen-Triebwerk schiebt der Autor die Handlung ganz langsam voran. Doch der kleine Schub beschleunigt die Handlung des Romans kontinuierlich, sie nimmt immer weiter Fahrt auf. Nach etwa einem Viertel des Romans merkt der Leser, dass die Echtzeit der Romanhandlung keine Rolle mehr spielt. Was sind 200 Jahre, wenn man sie im Kälteschlaf quasi in einer Minute überbrücken kann.

Die Bewohner der Erde warten auf ihren Untergang, und das über mehrere Jahrhunderte. Die Konsequenzen, die das für eine Gesellschaftsordnung hat, konnte ich mir bisher nie ausmalen. Cixin Liu hilft meiner Vorstellungskraft hier deutlich auf die Sprünge.

Ein großartiges Buch.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Mittwoch, 11. April 2018

Martin Perscheid: Cartoons

Tut mir furchtbar leid, aber ein winzig kleiner Penis zählt nicht als Behinderung!

Ein sehr netter Happen zwischendurch. Ungerecht, hinterhältig, fies und gemein sind die Karikaturen aus der Feder des Meisters. Dem Leben auf's Maul geschaut und immer hart an der Grenze des guten Geschmacks. Er wird auch schon mal auf Facebook für einen Tag gesperrt und, wenn er nach der Entsperrung dann einen Screenshot von Facebooks Entschuldigungsschreiben postet, gleich noch einmal. Er nimmt alle auf's Korn, vor ihm ist nichts und niemand sicher. Er ist klug, respektlos und talentiert. Auch wenn ich viele der Karikaturen aus diesem Bändchen schon von seiner Webseite bzw. seiner Facebook-Seite kenne, so gebietet es doch der Anstand, einem Webcomiczeichner ab und zu mal ein Buch abzukaufen. Der Mann lebt schließlich davon. Deshalb habe ich es auch gleich zwei mal gekauft. Einmal, um es selber zu lesen und einmal, um es an einen Freund zu verschenken.

Ein tolles Buch!

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Mittwoch, 4. April 2018

Till Reiners: Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen

Begegnungen mit besorgten Bürgern

Till Reiners ist eigentlich Comedian. Trotzdem macht er sich mit seinem ersten Buch an ein sehr ernstes Thema: Er versucht, die Ängste und Sorgen der neuen Rechten zu ergründen. Er spricht mit Pegida-Anhängern, AFD-Politikern und auch mit Neonazis (die sich selbst natürlich nie so nennen würden). Er taucht völlig in diese Gedankenwelt ein und setzt sich damit auseinander. Er möchte wirklich Verstehen. Deshalb öffnen sich auch seine Gesprächspartner sehr weit, und er erhält so einen Einblick in ihre Filterblase.

Ein gutes und wichtiges Buch. Überhaupt nicht lustig.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

P.S.: Mit diesem Buch lernte ich auch eine neue Technik des Umgangs mit Büchern kennen. Ich erhielt es völlig unverhofft von einem Freund als Geschenk. Verbunden war dieses Geschenk mit zwei Auflagen:

  1. Lies es!
  2. Verschenke es dann weiter.
Ich finde, dass das eine tolle Idee ist und habe es heute weiterverschenkt. Ab sofort nenne ich alle Bücher, die ich auf diese Weise erhalte oder verschenke "Kettenbuch".

Montag, 26. März 2018

Christian von Ditfurth: Giftflut

Europa steht Kopf: In Berlin, Paris und London werden fast zeitgleich Anschläge verübt, die an Präzision und Professionalität kaum zu überbieten sind. Verwertbare Spuren gibt es nicht. Tausende Menschen sterben, die Aktienkurse brechen zusammen und als dann noch der Eurotunnel gesprengt wird ist klar: Hier sind absolute Profis am Werk. Das ist nicht die Handschrift irgendwelcher Fanatiker mit Sprengstoffwesten. Wer solcher Terror verbreiten will, der muss ganz tief in die Tasche greifen. Terrororganisationen können sich so etwas nicht leisten, kleine Staaten auch nicht. Dann schon eher Großmächte oder multinationale Konzerne.

Hauptkommissar De Bodt ermittelt mit seinem kleinen Team auf gewohnt eigenwillige Art und Weise. Dass im Hintergrund noch ein ursprünglich Unbeteiligter nach den Tätern fahndet, weiß er nicht.

Ich habe mir die Nägel bis zu den Schulterblättern abgekaut beim Lesen dieses Buches, so spannend ist es geschrieben.

Lesen. Und zwar unbedingt und sofort!

Donnerstag, 1. März 2018

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Verhältnisse

Ein Fall für Kommissar Dupin
Pont Aven in der Bretagne war Ende des 19. Jahrhunderts einmal die Sommerresidenz einiger Maler, die dann später gefeierte Berühmtheiten wurden. Die kleine Stadt weiß aus dieser Tatsache Nutzen zu ziehen und vermarktet sich touristisch als "Künstlerdorf", um sich so von den anderen Fremdenverkehrsgemeinden in der bezaubernden Bretagne abzugrenzen. Der Mord an Pierre-Louis Pennec, dem hochbetagten Besitzer des besten Hotels am Platz, überschattet die Touristenidylle jäh. Kommissar Dupin kann sich keinen Reim darauf machen, warum jemand den 92-jährigen Hotelier ermordet hat. Gänzlich absurd erscheint ihm die Tat schließlich, als er vom Hausarzt des Opfers erfährt, dass der Getötete an einer schweren Herzkrankheit litt. So schwer, dass es geradezu an ein Wunder grenzte, dass er überhaupt noch gelebt hat - er wäre innerhalb der nächsten Tage ohnehin gestorben. Dass bei noch laufenden Ermittlungen in die Gaststube des Hotels eingebrochen wird und dass schließlich ein zweiter Mord die Kleinstadt in Angst und Schrecken versetzt, macht es den Ermittlern nicht leichter.

Ein klassischer Detektivroman - man schaut dem Ermittler bei der Arbeit über die Schulter und knobelt mit ihm zusammen an dem Fall herum. Eigentlich ist das nicht so meins, aber die Beschreibungen der Landschaft und der Örtlichkeiten sind so gelungen, dass ich das Buch nicht mehr weglegen wollte. Was schließlich bleibt ist eine große Reiselust. Die Bretagne werde ich irgendwann besuchen. Das steht fest.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Montag, 12. Februar 2018

Christian von Ditfurth: Zwei Sekunden

Bei einem Staatsbesuch des russischen Präsidenten wird ein Bombenanschlag auf die Wagenkolonne der Kanzlerin verübt. Ein Wagen wird dabei völlig zerfetzt, vier Menschen sterben. Mehrere Teams ermitteln in der Sache, auch der russische Geheimdienst bietet seine Hilfe an. Doch die Untersuchungen laufen ins Leere, es gibt keine verwertbaren Spuren. Die Täter müssen absolute Profis gewesen sein. Kommissar De Bodt glaubt deshalb auch nicht, dass das Attentat missglückt ist und die Kanzlerin und der Präsidenten nur zufällig überlebt haben. Solche Leute machen keine Fehler. Als wenig später der Kanzleramtsminister in einem Café durch einen Scharfschützen getötet wird, hört sich De Bodt im Kanzleramt genauer um.

Was Herr von Ditfurth uns hier vorlegt ist ein intelligent geschriebener und rasend spannender Politthriller, den man nicht zur Seite legen möchte bevor man das letzte Kapitel gelesen hat.

Suchtstoff vom Allerfeinsten.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Mittwoch, 24. Januar 2018

Brandon Q. Morris: Proxima Dying

Die KI Marchenko und seine beiden menschlichen Schützlinge haben sich auf Proxima Centauri b eingerichtet. In der von einem alternativen Marchenko errichteten Basis lässt es sich gut leben, es fehlt ihnen an nichts. Trotzdem drängt es sie, ihren Auftrag zu erfüllen: Die Suche nach dem Ursprung des geheimnisvollen Funksignals mit dem Hilferuf der Bewohner des Planeten, der um den sonnennächsten Stern kreist. Sie führen Suchexpeditionen durch und vermessen den Himmelskörper mit Hilfe des noch im Orbit befindlichen Schiffs. Das Überleben in dem fremdartigen Ökosystem ist kein Zuckerschlecken, aber Marchenko und seine beiden Schützlinge meistern es. Doch das größte Abenteuer steht ihnen noch bevor: Ihr Schiff entdeckt aus der Umlaufbahn heraus ein Objekt auf der dunklen Seite des Himmelskörpers. Der Seite, die nie vom Muttergestirn beschienen wird und deshalb auf eine Art und Weise lebensfeindlich ist, wie man sich das auf der Erde kaum auszumalen in der Lage ist. Und es gibt nur eine Möglichkeit, dort hinzukommen.

Das Szenario, in dem der Roman spielt, wird vom Autor präzise und gleichzeitig phantasievoll erdacht. Dabei fließen die Keplerschen Gesetze ebenso in die Überlegungen mit ein wie die aktuellen Erkenntnisse der Astronomie und der Exobiologie. Die Geographie und die Ökologie von Proxima Centauri b werden, obwohl natürlich fiktiv, so realistisch beschrieben, als wäre ein Expeditionsteam des GEO-Magazins mit an Bord. Die Handlung des Romans ist nicht weniger ausgefeilt: Rasend spannend bis zur letzten Seite. Echter Suchtstoff!

Ich will mehr!

Lesen. Und zwar unbedingt und sofort.

Mittwoch, 10. Januar 2018

Brandon Q. Morris: Proxima Rising

Dimitri Marchenko, um genauer zu sein: sein mit durch die Verschmelzung mit der Bord-KI der Enceladus-Expedition entstandenes Maschinenbewusstsein, erwacht. Da er von der zweiten Enceladus-Reise zwar Kenntnisse hat, sich aber an die eigentliche Reise nicht erinnern kann, schließt er, dass er eine durch den russischen Multimilliardär Schostakowitsch veranlasste illegale Raubkopie der Marchenko-KI darstellt. Er macht sich sofort an die Arbeit. Er befindet sich an Bord einer Mikro-Sonde, die man mittels sehr starker Laser auf ein Fünftel der Lichtgeschwindigkeit beschleunigt hat. Sein Ziel ist das sonnennächste Sternensystem Proxima Centauri bzw. ein Planet, der sich in diesem System befindet. Von dort hat man auf der Erde vor einiger Zeit einen Hilferuf erhalten. Marchenkos erste Aufgabe: Interstellares Material einsammeln um das Schiff zu vergrößern und abzubremsen. Die Zweite: seine zukünftigen Passagiere aus mitgeführtem genetischem Material erschaffen. Er weiß genau, was zu tun ist, denn er hat Zugriff auf umfangreiche Datenbanken in seinen Speicherzellen.

Ein äußerst spannender Roman. Was der Autor sich hier an fantastischen Techniken für sein Szenario zusammensucht ist nicht mehr und nicht weniger als konsequent um einige Jahrzehnte in die Zukunft fortgeschriebene Technik- und Forschungstrends der Jetztzeit. Ich bin sehr gespannt auf diese Zukunft und weiß nicht, ob ich sie herbeisehnen oder mich vor ihr fürchten soll.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Freitag, 5. Januar 2018

Brandon Q. Morris: Enceladus - Die Rückkehr

Ein russischer Oligarch und Multimilliardär tritt an die zurückgekehrte Crew der ILSE heran. Er benötigt das Schiff und seine Mannschaft, um seine für den Asteroidenbergbau und weitere Großprojekte entstandene Infrastruktur im All auszubauen. Der Crew böte sich so die einmalige Chance, nach dem auf Enceladus verbliebenen Bordarzt Marchenko zu forschen. Sie bemächtigen sich Schiffs und machen sich auf den langen und beschwerlichen Weg. Doch der Milliardär Schostakowitsch spielt ein doppeltes Spiel. Und er ist nicht die einzige Partei, die auf das Schiff und seinen Kurs Einfluss nimmt.

Ein rasend spannendes Buch und ein würdiger Abschluss der Eismond-Reihe. Ich freue mich schon auf die neue Serie, die eine mögliche erste interstellare Reise beleuchtet.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!