Freitag, 7. Juli 2017

Heinz-Werner Kubitza: Der Glaubenswahn

Von den Anfängen des religiösen Extremismus im Alten Testament

Gott ist nicht tot. Um tot zu sein, muss man zunächst einmal leben und dann sterben. Dann ist man tot. Aber der Gott des Alten Testaments hat nie existiert. Er wurde frei erfunden, ebenso wie viele der als historische Dokumente klassifizierten Teile der Bibel. Und das oft Jahrhunderte nach der erfunden Handlung.

Das wäre an und für sich nicht weiter tragisch. Um Menschen eine moralische Leitlinie an die Hand zu geben, sollte auch die eine oder andere didaktische Lüge erlaubt sein. Das mache ich in meinem Unterricht schließlich auch nicht anders. Aber welche Moral wird denn eigentlich im Alten Testament gepredigt? Nehmen wir für einen kurzen Augenblick die Bibel einmal wörtlich:

Jahwe ist ein fürchterlicher Gott: Ein rachsüchtiger, streitlustiger, nachtragender Pedant, der schon für vergleichsweise kleine Vergehen zu töten bereit ist. Und er tötet nicht nur den Sünder, er vergeht sich auch gleich an seiner Familie, seinen Mitbewohnern, gelegentlich auch an allen seinen Landsleuten. Jahwe ist ein furchtbarer Kriegsgott. Er mordet ganze Völker, immer wieder schlachtet er tausende und abertausende Menschen ab, ohne Ansehen des Geschlechts, des Alters oder der aktiven Beteiligung an einem Krieg. Nach heutigen Maßstäben ist er ein psychopathischer Kriegsverbrecher, der immer wieder Menschenopfer fordert und auf grausamste Art und Weise auch selber den Tod bringt. Die von ihm selbst erlassenen "zehn Gebote" missachtet er in einem Ausmaß und einer Skupellosigkeit, dass einem schlecht werden kann.

Nungut. Wer nimmt schon die Bibel wörtlich? Der eigentliche Skandal, den der studierte und promovierte Theologe (!) Heinz-Werner Kubitza hier aufdeckt ist nicht, dass die Bibel ein in weiten Teilen frei erfundenes und höchst verstörendes Buch ist. Das sollte jeder wissen, der mehr als ein paar Zeilen darin gelesen hat, besonders in der philologisch besonders originalgetreuen Zürcher Übersetzung. Der eigentliche Skandal ist, dass die Bibelforschung der Kirchen seit Jahrzehnten genau diese Erkenntnis herausgearbeitet hat, den Gläubigen in den Gemeinden dieses Wissen aber vorenthalten wird. Wenn ich aus einem Märchenbuch vorlese (das tue ich gelegentlich im Unterricht), dann sage ich vorher, dass es sich um ein Märchenbuch handelt. Die Pfarrer auf der Kanzel tun dies, wider besseren Wissens, nicht.

Lesen. Und zwar unbedingt und sofort.

Sonntag, 25. Juni 2017

Ralf König: Herbst in der Hose

Auch an Konrad und Paul, seit Jahrzehnten bekannte und beliebte Protagonisten in der Knollennasen-Comicwelt des Ralf König, ist die Zeit nicht spurlos vorübergegangen. Das Bauchfett vermehrt sich, die Haare ergrauen, die Antrieblosigkeit wächst und die Libido schmilzt zusammen. Kurz: Herbst in der Hose - Andropause. Dass auch bei Männern im Alter eine hormonelle Umstellung die Körperfunkionen beeinträchtigt und verändert wurde noch bis vor wenigen Jahrzehnten in der Wissenschaft nicht beachtet. Heute aber beginnt man das Phänomen zu erforschen und zu verstehen. Pauls Freunde sind deshalb erstaunlich gut informiert über das Unvermeidliche und klären ihn gnadenlos auf. Dabei gewinnt er Erkenntnisse über sich selbst und nicht zuletzt durch seinen eigenen Vater über das Tabuthema "Sex im Alter". Er lernt und macht seinen Frieden mit dem Gedanken, dass er schon seit sechs Jahren nicht mehr 49 ist.

Auf unterhaltsame Weise nähert sich Herr König einem Thema, über das man ungern nachdenkt und welches man lieber verdrängt. Dass ich jetzt mehr über das weiß, was da auf mich zukommt, habe ich nicht zuletzt diesem Buch zu verdanken.

Kein Kinderbuch, aber dennoch: Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Samstag, 17. Juni 2017

Harald Lesch, Klaus Kamphausen: Die Menschheit schafft sich ab.

Das Buch ist nicht nur eine präzise Beschreibung des ökologischen Stands der Dinge. Die Autoren versuchen auch, eine Erklärung dafür zu finden, wie es dazu kam. Was treibt eine Spezies dazu, den Ast abzusägen, auf dem sie sitzt? Warum besitzen nur acht Männer (Update 2017) so viel, wie die gesamte ärmere Hälfte der Menschheit. Und was wollen die mit dem Geld? Dieses Buch gibt Antworten, wirft aber auch neue Fragen auf. Dieses Buch wäre eine extrem wichtige Argumentationshilfe und das ultimative Nachschlagewerk für den interessierten Geographielehrer.

Wäre?
Ich habe es ja schon an anderer Stelle geschrieben: Ich stelle hier nur Bücher vor, die mir so gut gefallen, dass ich sie auch zuende lese. Damit sind meine Artikel auf diesem Blog immer Empfehlungen, niemals Verrisse. Das heißt aber nicht, dass mir an den hier vorgestellten Büchern alles vorbehaltlos gefällt. Und bei diesem Buch gibt es auf der "aber"-Seite durchaus etwas anzumerken:
  • Zunächst einmal etwas rein Formales: Das Buch wurde auf schwerem Kunstdruck-Papier und durchgehend im Farbdruck hergestellt. Für ein Buch, in dem völlig zu Recht die Ressourcenverschwendung durch die Menschheit angeprangert wird, stellt das m. E. eine ganz erstaunliche Ressourcenverschwendung dar, die die Glaubwürdigkeit des Buches zumindest in Frage stellt. 
  • Die Autorenschaft bleibt intransparent. Zwar tauchen auf dem Cover zwei Namen als Autoren auf, es bleibt aber unklar, welche Rolle jeder der beiden Herren spielt. Ist der Sachbuchautor Klaus Kamphausen Autor im Sinne eines Ghostwriters, vielleicht in Anlehnung an eine von Harald Leschs Vorlesungen? Oder steuern beide Autoren gleichberechtigt Kapitel zu dem Werk bei? Und wenn ja: Wer liefert welche? Außerdem tauchen in dem Buch gleich mehrere Mitschriften von Interviews auf, die ein mit "Q" abgekürzter Mensch führt. Ich habe nirgendwo einen Hinweis darauf gefunden, wer "Q" ist. An deutschen Universitäten darf für wissenschaftliche Arbeiten i. d. R. nicht aus der Wikipedia zitiert werden. Argumentiert wird auf Professorenseite damit, dass die Autorenschaft bei der Wikipedia intransparent ist. Also kann ich auch aus diesem Buch nicht zitieren, wenn ich ein wissenschaftliches Werk verfassen möchte. Auch nicht bei Abituraufgaben. Das ärgert mich.
  • Und noch etwas ärgert mich. Das Buch enthält sachliche Fehler.
    Ein paar Beispiel gefällig?
    Seite 114: "(...) die Mitochondrien-DNA, auch RNA genannt." Nein, Herr Lesch! Bei allem Respekt, Herr Kamphausen. Die Mitochondrien-DNA nennt man nicht RNA!
    Seite 124: "Die Gletscher, die in Deutschland (...) von Skandinavien bis ungefähr zu einer Linie Berlin-Düsseldorf vorgedrungen waren, zogen sich allmählich zurück." Bis zum späteren Düsseldorf hat es das Eis in der letzten Kaltzeit nur einmal geschafft. Zu diesem Zeitpunkt lag aber das Gebiet des heutigen Berlin unter dicken Gletschern begraben und war weit von den Gletscherzungen entfernt. In der Regel war die Eisgrenze viel weiter im Norden. Das ist kein Geheim- oder Spezialistenwissen. Dazu muss man nur einmal den Diercke-Atlas aufschlagen oder in der Wikipedia (!) schmökern.
    Seite 357: Die Legende der Karten ist falsch beschriftet. (Nur mal so als Beispiel: blau = Wüstenklima kann nicht stimmen.)
Das muss reichen. Ich will ja nicht den von mir so geschätzten Herrn Lesch in die Pfanne hauen. Aber der geneigte Leser möge mir bitte glauben: Es gibt weitere Fehler.
Die Autoren sind bemüht, und das finde ich prinzipiell sehr löblich, sich einen interdisziplinären Blick auf die dargestellten Sachverhalte zu bewahren. Dass der Astrophysiker und Philosoph Lesch sich dabei auch einmal in die Niederungen der Geographie oder der Biologie begibt ist gut und richtig. Dass ihm oder Herrn Kamphausen (das bleibt, wie schon gesagt, intransparent) dabei Fehler unterlaufen, ist fast schon zu erwarten. Deshalb sollte man ein interdisziplinäres Werk wie dieses von Gelehrten der verwendeten Disziplinen Korrektur lesen lassen.
Warum ärgert mich das so sehr? Ganz einfach: Natürlich bin ich, wie vermutlich jeder Lehrer, immer auf der Suche nach im Unterricht verwendbarem Material. Von diesem Werk habe ich mir einen ganzen Fundus an Unterrichtsmaterial versprochen. Doch wenn ich so grobe Fehler in den Disziplinen finde, von denen ich etwas verstehe, dann kann ich mich nicht darauf verlassen, dass in den Disziplinen von denen ich wenig verstehe, keine Fehler auftauchen.
Das ist natürlich schade, denn dieses spannende Werk wurde ganz sicher mit viel Liebe zum Detail gestaltet und verfasst.

Trotz der "Aber"-Liste: Ein gutes und wichtiges Buch. Lesen, und zwar unbedingt und sofort. Ich persönlich empfehle jedoch wegen des Punktes eins meiner "Aber"-Liste die Ebook-Version.