Freitag, 28. April 2017

Sebastian Fitzek: Achtnacht

Benjamin Rühmanns Leben liegt in Trümmern. Seine Tochter hat durch einen Autounfall an dem er nicht unschuldig ist, beide Unterschenkel verloren. Die Band von der er sich getrennt hatte, wurde einen Monat nach dieser Trennung unglaublich erfolgreich. Seine Frau will nicht mehr mit ihm zusammen sein. Die Tanzkapelle, mit der er versucht, sich finanziell durchzuschlagen, hat ihn gefeuert. Unterhalt für seine Familie oder gar notwendige medizinische Behandlungen für sein Kind kann er nicht mehr bezahlen. Man möchte meinen, es könnte nicht mehr schlimmer kommen.

Aber weit gefehlt: Sein Name wird gezogen in einer bizarren Lotterie: Wer ihn in einer bestimmten Nacht, der Achtnacht, tötet, gewinnt zehn Millionen Euro. Straffreiheit wird zugesichert. Außerdem landen im Internet noch Gerüchte um seine angebliche Pädophilie, kurz: Schlagartig ist dem Schlagzeuger ein wütender Mob auf den Fersen, der ihm nach dem Leben trachtet.

Ein bis zum Nägelabkauen spannender Thriller. Perfide gestrickte Handlung, ungewöhnliche Wendungen und Überraschungen bis zum letzten Kapitel.

Unbedingt lesen, und zwar sofort!

Mittwoch, 19. April 2017

Lilo Beil: Eine feste Burg

Friedrich Gontard, der ehemalige Leiter der Kripo Ludwigshafen, hat seit seiner Pensionierung viel Zeit, sich zusammen mit seiner Frau Anna um das geliebte Enkelkind zu kümmern. Und die beiden machen das, was Großeltern halt so mit Enkeln tun: Sie verwöhnen das Kind im besten Sinne, toben viel mit dem Kind herum und machen lange Spaziergänge. Bei einem dieser Spaziergänge treffen Sie in der Nähe der Burg Landeck an der südlichen Weinstraße auf einen alten Mann, der Anna an ihren ehemaligen Religionslehrer erinnert. Er ist aber viel zu sehr in ein Buch vertieft, um auf den Gruß des Großelternpaares zu reagieren. Wenig später ist der Mann tot. Die polnische Pflegerin des Demenzkranken, der sich tatsächlich als Annas ehemaliger Religionslehrer entpuppt, wird sofort beschuldigt, diesen Mord durch Fahrlässigkeit erst ermöglicht zu haben. Doch niemand ist wirklich traurig ob des Todesfalls. Im Gegenteil: Offen geben Menschen aus dem Umfeld des ehemaligen Pädagogen ihre Erleichterung zu. Beliebt war er nicht, der Verblichene.

In einem äußerst spannenden Roman thematisiert die Autorin Aktuelles aus unserer Gesellschaft. Und ich meine damit nicht einmal die vielen, interessanten Bezüge zum Luther-Jahr. Es geht um den Pflegenotstand in unserer immer älter werdenden Bevölkerung, um Fremdenfeindlichkeit und um die unbewältigte braune Vergangenheit in der Pfalz. Sprachlich von gewohnter Qualität, liest man das Buch gerne und möchte es einfach nicht mehr aus der Hand legen.

Nur eines gefällt mir nicht an der Geschichte: Das ist das mit jedem Roman dieser Reihe rasant steigende Alter des Ermittlers. Ich weiß nicht, wie lange Frau Beil Friedrich Gontard noch glaubwürdig auf Verbrecherjagd schicken kann. Und er ist mir wirklich ans Herz gewachsen. Ich wünsche mir noch viele Fortsetzungen mit diesem Ermittler.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Freitag, 14. April 2017

Ulrich Magin: Skurriles aus der Pfalz

Seit nunmehr 18 Jahren lebe ich in der Pfalz. Ich dachte wirklich, mir könnte niemand mehr etwas beibringen, wenn es um die Pfalz geht. Inzwischen habe ich auch dem einen oder anderen gebürtige Pfälzer auf geographisch-touristischer Weise zeigen können, wo der Barthel de Most holt. Und das ist auch gut so! Immerhin lese ich so ziemlich alles, was mir über die Region, in der ich gerade lebe, in die Hände fällt. Und in der Pfalz lebe ich jetzt schon lange, der Pfalz-bezogene Teil des Bücherschranks ist entsprechend gewichtig. Ich würde mich blöd fühlen, wenn es anders wäre.

Aber nach der Lektüre dieses Buches fühle ich mich blöd. Nicht alles, was ich hier gelesen habe, überraschst mich, aber doch Einiges. Dieses Buch ist nicht mehr und nicht weniger als das  "A" bis "Z" der Kuriositäten der Pfalz. Akribisch und sachkundig trägt der Autor Seltsames und Merkwürdiges aus der Pfalz zusammen und verpackt es in ein unterhaltsames und sehr kurzweiliges Büchlein. Von diesem Stoff will ich mehr!

Einziger Wermutstropfen: Die Aufbereitung der zahlreichen Fotos für den Schwarzweißdruck sowie das Layout des Buches hätte man besser Profis überlassen.

Wer davon abstrahieren kann: Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Dienstag, 11. April 2017

DuMont Bildatlas - Pfalz

Wo Frankreich nahe ist

Auch wenn es sich bei diesem Bildatlas "nur" um eine Zeitschrift handelt, so ist er doch verblüffend edel aufgemacht. Der Einband ist aus festem Karton hergestellt und das Layout ist sehr ansprechend gestaltet. Das gibt dem Bildatlas etwas Wertiges. Der Inhalt ist sinnvoll und logisch strukturiert, immer wieder sind zur besseren Orientierung Karten eingestreut. Alle Artikel wurden mit hervorragenden Fotografien illustriert. Es ist ein Genuss, dieses Heft durchzublättern.

Dass dieser Bildatlas nunmehr in der dritten Auflage erscheint, tut dem Werk keinen Abbruch. Ich kann es auf jeden Fall sehr zur Lektüre empfehlen. Nur wer die erste oder zweite Auflage bereits besitzt, sei gewarnt: So viel neues steht nicht drin - lohnt sich nicht.

Ich habe an anderer Stelle bereits versprochen, dass ich hier nur solche Bücher bespreche, die ich auch wirklich empfehlen kann. Auch den DuMont Bildatlas "Pfalz" kann ich empfehlen. Dennoch sind mir ein paar Details aufgefallen, die mir nicht gefallen haben. Und das ist bei der dritten Auflage eines solchen Werkes ein Wenig ärgerlich. Mir ist bewusst, dass der Pressemarkt hart umkämpft ist und dass deshalb an allen Enden gespart wird. Ein Lektorat findet nicht mehr statt.

#168
Über Tippfehler kann ich deshalb hinwegsehen, auch wenn ich nicht verstehe, wie es passieren kann, dass im gleichen Artikeln in der ersten Auflage richtig "Altpörtel" steht, in der dritten aber nur das verstümmelte "Altpör".

Auch dass der Domnapf in Speyer nach wie vor zu gegebenem Anlass mit Wein gefüllt wird - man hat dafür in jüngster Zeit eigens einen hygienischen Kunststoffeinsatz maßgefertigt - finde ich nicht so bedeutsam. Wenn ein Tourist es trotz gegenteiliger Informationen aus dem DuMont-Reiseverlag dennoch erlebt, wird er freudig überrascht sein.

Dass man die Menschen aus Neustadt "Neustadter" nennt - so steht es im Duden und so wird es in jedem Neustadt des deutschsprachigen Raums gehandhabt - und nicht "Neustädter" wie bei DuMont geschehen, ist ein häufig gemachter Fehler und deshalb verzeihbar.

Aber wenn bei geographischen Fakten geschludert wird und falsches Halbwissen in die Köpfe der Leserschaft gepflanzt wird, dann rollen sich dem Geographen in mir die Fußnägel auf. Der klimatische Gunstraum an der Weinstraße entsteht nicht deshalb, weil "der Pfälzer Wald ihn vor kalten Westwinden schützt". Das ist barer Unsinn, und zwar gleich zweifach:
  1. Es gibt keine kalten Westwinde. In unseren mittleren Breiten sind Westwinde maritim beeinflusst, und somit im Winter warm und feucht. Wenn es im Winter kalten Wind geben sollte, dann kommt der aus Osten oder Norden.
  2. Im Sommer sind die Westwinde auf der Westseite des Gebirges tatsächlich zunächst etwas kühler, aber ebenfalls feucht. Und genau deshalb entsteht am Pfälzer Wald ein leichter Föhneffekt, bei dem sich die Luft beim Absinken auf der Ostseite des Gebirges trockenadiabatisch erwärmt. Dadurch lösen sich Wolken auf und die Sonneneinstrahlung nimmt zu, was die Erwärmung der Luft weiter vorantreibt.
Und das ist kein Geheimwissen, das kann man in jedem Rheinland-pfälzischen Erdkundebuch der Mittel- und Oberstufe nachlesen.

So edel der Bildatlas in der dritten Auflage auch aussieht, hätte ich mir doch etwas mehr Sorgfalt beim Inhalt gewünscht. Der Mitbewerber Jahreszeiten-Verlag macht mit seinem aktuellen Merian-Heft zum gleichen Thema vor, wie das geht.

Sonntag, 9. April 2017

Merian - Pfalz

Bereits zum vierten Mal widmet der Jahreszeiten-Verlag eine Ausgabe seiner Reisezeitschrift "Merian" meiner Wahlheimat. Für mich ist das ein Grund, mir dieses Heft einmal ganz genau anzuschauen. Hat sich seit der letzten Ausgabe "Merian - Pfalz" so viel verändert, dass es sich lohnt, nur neun Jahre später wieder ein Heft dieser Region zu widmen? Wurde vielleicht im letzten Heft so viel weggelassen? Oder ist diese Ausgabe nur ein zweiter Aufguss des 2008er-Exemplars?

Ich lebe inzwischen seit 18 Jahren hier und bilde mir ein, dass ich mir deshalb ein Urteil erlauben kann. Neustadt ist ohne Unterbrechungen länger mein Domizil, als ich in jeder anderen Stadt ohne Unterbrechungen gewohnt habe. Seit 1999 vermeide ich konsequent jede private Fernreise. Ich lebe in einer Gegend, in die Menschen reisen, um Urlaub zu machen. Warum sollte ich also ausgerechnet in den Ferien auf die Idee kommen, diese herrliche Landschaft zu verlassen? Ausgerechnet dann fliehen, wenn die Natur brummt, das Wetter am schönsten ist und die Leute am entspanntesten drauf sind? Wie blöd wäre das denn?

Und weil ich seit 1999 in jedem Sommer meine Ferien auf dem Rücken meiner 75 Pferde durch die Pfalz reitend verbringe, bin ich immer auch auf der Suche nach Anregungen für Ausflüge. Die erhoffte ich mir von diesem Merian-Heft, und deshalb beantworte ich jetzt auch die Fragen, die ich im ersten Absatz dieses Blogeintrags aufgeworfen habe:
  • Nein, soviel hat sich nicht geändert, aber etwas schon.
  • Ja, im letzten Heft wurde irre viel weggelassen. Die Pfalz ist in jeder Beziehung so vielfältig, dass sie sich nicht in knapp 150 Zeitschriftenseiten erschöpfend darstellen lässt. 
  • Nein, das Heft ist absolut kein zweiter Aufguss der 2008er-Ausgabe. 
Das Heft ist vielmehr ein äußerst gelungener "Band 2" der 2008er-Ausgabe. Wer die bereits besitzt, sollte das aktuelle Heft unbedingt auch kaufen. Es enthält viele neue Ausflugsziele und bebildert diese wunderschön. Die Autoren - einige von ihnen sind gebürtige Pfälzer - haben liebevoll und sorgfältig recherchiert. An (hochdeutscher und pfälzischer) Sprachkompetenz mangelt es ihnen nie und deshalb ist es auch ein pures Vergnügen, sich durch dieses Heft zu schmökern. Dass am Ende noch verschiedene Touristikverbände der Region reich bebilderte und sehr informative Anzeigen geschaltet haben, erhöht den praktischen Nutzwert der Zeitschrift noch. Es kommt selten vor, dass ich dem Anzeigenteil einer Zeitschrift meine Aufmerksamkeit widme - hier habe ich es gerne getan. Was ich besonders sympathisch finde: Einer der Autoren kommt zu dem Schluß, dass die von irgendeinem Tourismusmenschen erfundene Bezeichnung "die Toscana Deutschlands" im Grunde genommen eine Beleidigung darstellt. Liebe Toscana: Bitte nicht beleidigt sein. Aber die Pfalz hat es gar nicht nötig, sich als zweiten Aufguss einer anderen Landschaft in Europa zu verkaufen. Es ist so einmalig hier, die Gegend hat einen so eigenständigen Charakter, dass es schlicht "die Pfalz" ist. Punkt!

Also erhebt das Schoppenglas, alle verfügbaren Daumen nach oben: Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Sonntag, 2. April 2017

Rebecca Skloot: Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks

Die Geschichte der HeLa-Zellen

Henrietta ist gerade 31 Jahre jung, als sie wegen eines Knotens am Gebärmuttermund den Gynäkologen aufsucht. Der Arzt entnimmt eine Gewebeprobe, um sie im Labor untersuchen zu lassen. Schließlich wird bei ihr Gemärmutterhalskrebs diagnostiziert. Verschiedene Therapien werden versucht, doch der Krebs wächst derart aggressiv, dass er Henriettas Immunsystem schließlich besiegt. Unter entsetzlichen Schmerzen stirbt die junge Frau. Bei der Obduktion stellt sich heraus, dass ihr ganzer Körper mit Metastasen durchsetzt war. Dies alles geschah im Jahr 1951. 


Die Gewebeprobe, die man ihr bei der Untersuchung entnommen hatte, macht jedoch eine ganz eigene Karriere. Es ist die erste menschliche Zelllinie, bei der eine Dauerkultur im Reagenzglas gelingt. In den folgenden Jahrzehnten werden mit den unsterblichen Zellen der Henrietta Lacks diverse medizinische Fortschritte erzielt. Die HeLa-Zellen spielten eine wichtige Rolle bei der Erforschung von Krebs und AIDS, ersetzten zahlreiche Tierversuche bei der Entwicklung von Medikamenten und Kosmetika und wurden schließlich auch in der biologischen Grundlagenforschung unentbehrlich. Weltweit sind heute ca. 11000 Patente angemeldet, die unter Verwendung der HeLa-Linie entwickelt wurden, die Gewinne mit den daraus entwickelten Produkten erzielt werden, liegen im mehrstelligen Millionenbereich, wenn nicht sogar noch höher. Ihre Familie hat von diesem Geld nie etwas gesehen. Erst Jahrzehnte nach dem Tod von Henrietta Lacks erfahren ihre Kinder aus den Medien von der Bedeutung dieser Zellen. 


Rebecca Skloot, Sachbuchautorin und Wissenschaftsjournalistin, versuchte sich im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausend an einer Analyse dieser Geschichte. Sie suchte den Kontakt zur Familie von Henrietta Lacks, erforschte Krankenakten und Forschungsberichte. Was sie zu erzählen weiß, ist weit mehr, als die Geschichte einer Zelllinie. Es ist nicht mehr und nicht weniger als die exemplarische Aufarbeitung der Geschichte der durch Bildungsentzug unmündig gehaltenen Afroamerikaner der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts. Diese Leute lebten seinerzeit teilweise noch in der vergammelten Hütten ihrer als Sklaven gehaltenen Vorfahren. Sie wurden auch damals noch benutzt und missachtet. Die Narben aus dieser Zeit sitzen tief, auch und vor allem in der Familie von Henrietta Lacks.



Ein großartiges, interessantes und ergreifendes Buch, das zu lesen ich unbedingt empfehle. Lesen, und zwar unbedingt und sofort!



Ein besonderer Dank gilt meinem Schüler Julius, der mir dieses Buch empfohlen hat. Danke Julius. Selten hat mich eine Buchempfehlung so bewegt.

Donnerstag, 9. März 2017

Jan Weiler: Das Pubertier

Und zwar beide Bände:

  • Das Pubertier
  • Im Reich der Pubertiere
Einst waren sie klein und niedlich, nett anzusehen und schmusig. Doch von diesem Bild entfernen sich die Pubertiere des Versuchsleiters immer mehr. Akribisch dokumentiert er dabei auch die unterschiedliche Entwicklung weiblicher und männlicher Pubertiere. Während die Weibchen zunehmend zu spontanen Wutausbrüchen neigen und in ihrer Behausung Berge von leeren Joghurtbechern, Telefonen und Trinkflaschen mit undefinierbarem Inhalt hamstern, verbringt das Männchen den Tag weitgehend mit drei lautlosen Tätigkeiten: Schweigen, Gerüche Absondern und Daddeln. 

Jan Weiler hat zwei Kinder, die die wohl anstrengendste Zeit im Leben eines Jugendlichen durchlaufen. Er nähert sich den mit der Pubertät einhergehenden Phänomenen mit ironischer Distanz und entwickelt mit fortschreitender Erzählung zunehmend auch so etwas wie Verständnis für das Unverständliche. 

Zwei stellenweise zum Schreien komische Bücher, welche mir sehr geholfen haben, die mich berufsbedingt umgebenden Pubertiere wieder etwas entspannter zu ertragen. 

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.

Mittwoch, 1. März 2017

Douglas Adams: Per Anhalter durch die Galaxis

...und zwar alle fünf Bände der Trilogie plus einen Zusatzband, für den der Verleger posthum Textfragmente von der Festplatte des Autors gesichert und zusammengestellt hat. Ein Kapitel "Anhalter" findet sich in diesem Buch, deshalb zähle ich ihn mal als inoffiziellen sechsten Band.
Als da wären:
  1. Per Anhalter durch die Galaxis
  2. Das Restaurant am Ende des Universums
  3. Das Leben, das Universum und der ganze Rest
  4. Macht's gut, und danke für den Fisch
  5. Einmal Rupert und zurück
  6. Lachs im Zweifel
Ich werde jetzt nicht den geneigten Leser mit einem Anriss des Inhalts langweilen. Jeder, und ich meine WIRKLICH JEDER, hat diese Bücher vermutlich schon gelesen. Auch ich habe mir die Romanreihe bestimmt schon vier oder fünf mal ins Hirn geblasen. Ich musste mir sie sogar extra noch einmal besorgen, um sie erneut zu genießen, denn ich habe meinen "Anhalter" vor ein paar Jahren verliehen und leider nie zurück bekommen. Vielleicht nutzt es ja etwas, wenn ich den fiesen Anhalterdieb auf diesem Weg etwas beschimpfe:

"Du fieser Anhalterdieb! Leihen heißt: Irgendwann zurückgeben! Ich habe dir die Bücher nicht VERliehen, so wie man einen Orden verleiht. Ich habe sie dir GEliehen!" 

Aber vermutlich bringt das nichts.

Die Geschichte um Arthur Dent, der eines Tages im Bademantel vor seinem Haus im Matsch liegt, um den Abriss seines Hauses wegen des Baus einer Umgehungsstraße zu verhindern, sollte hinlänglich bekannt sein. Aus ihr entstanden mehrere Hörspielreihen, aus denen dann die Bücher entstanden. Diese wurden zu einer Fernsehserie und schließlich zu einem Spielfilm.

Eine Romanreihe, an deren Anfang nicht nur der Abriss von Arthurs Haus, sondern auch gleich der Abriss der ganzen Erde steht, die ironischerweise einer geplanten Hyperraumumgehungsstraße im Weg ist, kam mir schon beim ersten Lesen vor vielen Jahrzehnten ziemlich schräg vor. Und genau das ist sie auch, diese Trilogie aus fünf (bzw. inoffiziell sechs) Bänden.

Der Autor, das merkt man selbst in der deutschen Übersetzung von Benjamin Schwarz, sprüht nur so vor Ideen, Ironie, Sarkasmus und Wortwitz. Auf naturwissenschaftlichem Gebiet war er für einen Philologen ungewöhnlich belesen. So konnte er sich nicht nur auf Augenhöhe mit Naturwissenschaftlern unterhalten, er war sogar mit einigen von ihnen befreundet. So zählte zum Beispiel der bekannte Evolutionsforscher Richard Dawkins zu seinem engeren Bekanntenkreis. Mit diesem teilte er auch die kritische Haltung gegenüber jeder Form von Religiosität. Um sich von Agnostikern scharf abzugrenzen bezeichnete er sich selbst als "radikalen Atheisten".

Adams interessierte sich aber nicht nur für Literatur und Naturwissenschaften. Auch seine Neugier in Bezug auf technische Neuerungen war geradezu grenzenlos. Er muss seinerzeit Unsummen für die in den Neunziger Jahren noch recht kostspieligen Apple-Computer ausgegeben haben, denn er hatte mehrere davon.

Mit diesem Wissen, einer schier endlos scheinenden Phantasie und einem überaus brillanten britischen Humor ausgestattet, schrieb er seine zwerchfellerschütternden Bücher. Gerade im "Anhalter"-Zyklus wurden all die Dinge, die er so gut kannte derart gründlich und intelligent durch den Kakao gezogen, dass die Bücher heute gerade bei wissenschaftlich ausgebildeten Menschen zur Kultliteratur zählen. Vermutlich gehen einem ohne naturwissenschaftliche Kenntnisse viele von Adams Späßen durch die Lappen.

Einige der Texte aus "Lachs im Zweifel" legen nahe, dass Adams sich beim Schreiben arg gequält hat. Es gibt die Legende, dass ihn sein Verleger und sein Agent einmal zusammen in ein Hotelzimmer ohne Telefon und Fernseher eingesperrt haben sollen, damit das nächste Buch endlich fertig wird. Was so leicht und unterhaltsam daherkommt, war für Adams also harte Arbeit. So verwundert es nicht, dass er sich in seinem letzten Lebensjahrzehnt mit ganz anderen Dingen beschäftigte als mit dem Verfassen von Romanen: Multimedia-CDs,  Sachbücher, die Gestaltung von Computerspielen, Drehbücher für Fernsehserien und vieles mehr. Besonderes Augenmerk richtete er dabei auf den Natur- und Artenschutz.

Douglas Noël Adams starb am 11. Mai 2001 im Alter von nur 49 Jahren in seinem damaligen Wohnort Santa Barbara in Kalifornien. Zu seinen Ehren begehen seitdem jedes Jahr am 25. Mai Menschen den Towel-Day. Zum Gedenken an den Autor tragen seine Fans an diesem Tag sichtbar ein Handtuch mit sich herum. Und wer diese Anspielung nicht versteht, der hat eben das betreffende Buch nicht gelesen.

Lesenswert in diesem Zusammenhang:

Ich verneige mich vor Douglas Adams und bitte um eine kurze Schweigeminute.

Freitag, 13. Januar 2017

Jonas Jonasson: Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind

Per Person hatte nicht viel Glück im Leben. Sein Großvater war noch ein äußerst wohlhabender Pferdehändler, dieser verpasst aber den Trend der Motorisierung in der Landwirtschaft, und so verarmt die Familie zusehends. Per landet schließlich als eine Art Zimmermädchen und Rezeptionist in einem heruntergekommenen Bordell. Als dieses in ein normales, wenn auch nach wie vor heruntergekommenes Hotel umgewandelt wird, bleibt Per einfach da und lernt so nach und nach die weiteren Protagonisten der Handlung kennen: eine atheistische evangelische Pfarrerin, die verständlicherweise arbeitslos wurde und den soeben aus langjähriger Haft entlassenen mehrfachen Mörder Johan Andersson, den alle nur „Mörder Anders“ nennen. Gemeinsam hecken der Rezeptionist und die Pfarrerin eine Geschäftsidee zur Vermarktung der besonderen Fähigkeiten von Mörder Anders. Und das Geschäft geht gut.

Eine völlig irrsinnige, zum Schreien komische Geschichte die vor bizarren Einfällen und trockenem Humor nur so überquillt.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Freitag, 6. Januar 2017

Jonas Jonasson: Die Analphabetin, die rechnen konnte

Eine vierzehnenjährige Waise arbeitet seit neun Jahren bei der Latrinenverwaltung in Johannesburg. Oder, um es anders auszudrücken: sie schleppt Scheiße. Da sie, anders als ihre Kolleginnen und Kollegen leidlich lesen, schreiben und vor allem exzellent rechnen kann, wird sie überraschend zur Leiterin dieser Behörde ernannt. So beginnt die sehr wechselhafte und abwechslungsreiche Geschichte des südafrikanischen Mädchens Nombeko. Sie wird angefahren, gerät als Putzfrau in ein geheimes wissenschaftliches Projekt zum Bau einer südafrikanischen Atombombe wo sie Bekanntschaft macht mit zwei israelischen Geheimagenten die sie schließlich bei ihrer Flucht nach Schweden unterstützen. Bei dieser Gelegenheit werden zehn Kilo Antilopenfleisch mit einerAtombombe verwechselt, die so in Nombekos Besitz gerät und die sie nicht wieder loswird. Und das ist erst der Anfang dieser völlig bizarren, anrührenden, intelligenten und haarsträubend lustigen Geschichte.

Lesen, und zwar unbedingt und sofort.