Sonntag, 22. Mai 2022
DuMont Bildatlas - Pfalz
Samstag, 21. Mai 2022
Philipp Möller: isch geh Schulhof
Unerhörtes aus dem Alltag eines Grundschullehrers
Dieses Buch liegt schon seit einiger Zeit auf meinem „noch zu lesen“ Stapel in der Küche herum. Neulich ist es mir beim Aufräumen in die Hände gefallen. Warum hatte ich das denn nochmal gekauft? Von Lästerbüchern über das deutsche Schulsystem, insbesondere über den deutschen Lehrkörper, hatte ich nämlich eigentlich die Nase voll. Erst neulich habe ich eines in die Ecke gepfeffert und nicht zu Ende gelesen, in dem eine ehemalige Aushilfslehrerin sich herablassend über meine KollegInnen und mich geäußert hat.
Ach so: Philipp Möller! Der sympathische Autor ist mir bereits aus einem anderen Zusammenhang bestens bekannt. Der arbeitet doch für die von mir so geschätzte Giordano-Bruno-Stiftung für eine religionsfreie Gesellschaft und hat auch schon zu diesem Thema Bücher veröffentlicht. Der hat mal als Lehrer gearbeitet? Kann man also mal reinschauen.
Was sich zunächst anliest wie eine stark verdichtete Sammlung von Anekdoten aus dem Umfeld des deutschen Hartz-IV-Adels und bildungsferner Immigrantenfamilien, lässt einem noch innerhalb des ersten Kapitels das Lachen im Hals stecken bleiben. Auch die zunächst karikaturenhaft wirkenden Lehrerpersönlichkeiten werde bald genauer dargestellt und entpuppen sich als entweder hoffnungslos überarbeitete bzw. überforderte Menschen im Kampf gegen Windmühlenflügel, oder es handelt sich um einige wenige hochmotivierte Pädagogen, die für das was sie leisten eigentlich viel zu schlecht bezahlt werden. Möller erlebte am eigenen Leib den aufreibenden Alltag und konnte bereits am Ende seiner zwei Jahre als Lehrer nachvollziehen, was einen in diesem Beruf zermürben kann. Krank ist vor Allem das hoffnungslos veraltete Schulsystem, das den veränderten Anforderungen und vor Allem den Kindern nicht mehr gerecht werden kann, und krank werden so auch die Lehrerinnen und Lehrer.
Ein sehr gutes Buch! Lesen, und zwar unbedingt und sofort.
Montag, 9. Mai 2022
Jutta Ditfurth: Ulrike Meinhof
Die Biografie
Über dieses 2009 erschienene Buch habe ich irgendwo gelesen. Anders als es bei älterem Lesestoff sonst der Fall ist, habe ich es nicht gebraucht besorgt, sondern von meinem Bücherdealer ordentlich beim Verlag bestellen lassen. Ich glaubte, dass ich der Autorin noch etwas schulde. Am Anfang der 80er bin ich oft per Anhalter gefahren. Dabei hat mich in der Nähe von Bonn einmal ein Pärchen mitgenommen, in dessen weiblichem Teil ich Frau Ditfurth zu erkennen glaubte. Ihren Vater Hoimar von Ditfurth bewunderte ich zu diesem Zeitpunkt wegen seiner wegweisenden Wissenschaftssendung „Querschnitte“ schon seit einem halben Jahrzehnt, sie war mir als Gründungsmitglied dieser neuen Partei „Die Grünen“ inzwischen aber ebenfalls vertraut aus den Medien. Naturgemäß sieht man als Tramper die Fahrerin und den Beifahrer nur von hinten, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie es war. Sie meckerte noch ein Wenig, weil wir an einer denkbar ungünstigen Stelle den Daumen rausgehalten hatten, aber sie hat mich und meinen Freund mitgenommen und ordnungsgemäß an einer Bushaltestelle in der Nähe des Kanzleramts wieder rausgelassen. Wir waren quasi starr vor Ehrfurcht. Diese Schuld ist jetzt beglichen! So sieht’s aus, Frau Ditfurth.
Ich schweife schon wieder ab, es soll doch um dieses gute Buch gehen. An dessen Ende findet sich ein dicker Anhang mit dedizierten Quellennachweisen. Alle Aussagen in diesem Buch lassen sich belegen, so versichert die Autorin, auch wenn rund 1000 der verwendeten Quellen privat bleiben müssen und nicht im gedruckten Quellenverzeichnis zu finden sind. Es wundert mich nicht, dass hier das Ergebnis von sechs Jahren Recherchearbeit vor mir liegen. Das ist wichtig, denn die Autorin macht handfeste Aussagen nicht nur zu den objektiv dokumentierten Handlungen der Frau Meinhof, sie stellt auch gut begründbare Thesen zu ihrer Motivation auf. Es ist also ein Buch, welches nicht nur die Biografie der ehemaligen Top-Terroristin nachzeichnet, sondern auch erklärt wie es dazu kam.
Und darum geht es. Das Buch soll nicht nur den Lebensweg von Frau Meinhof und die Ereignisse um die Studentenbewegung der späten 60er Jahre beschreiben, es soll auch erklären und deuten. So beginnt das Werk mit der Kindheit und den Ereignissen, die einen Menschen schon früh prägen und beeinflussen. Dadurch werden spätere Entscheidungen verständlicher, bestimmte Haltungen überhaupt erst plausibel. Die Kindheit in der Kriegs- und Nachkriegszeit, frühe Erfahrungen mit dem anderen und dem eigenen Geschlecht (bzw. die Unterdrückung dieser Erfahrungen) oder das Aufwachsen in einer Bundesrepublik, deren Repräsentanten teilweise noch das Blut aus der Nazidiktatur an den Händen klebte. Diese Liste der von der Autorin beleuchteten Einflussfaktoren ließe sich lange fortführen.Wer immer schon einmal wissen wollte, warum eine junge, intelligente, gebildete, beruflich erfolgreiche und durchaus sympathische Frau zu einer der meist gesuchten und meist gejagten Personen der Zeitgeschichte werden konnte, zu einer Person, die schließlich von ihren Häschern systematisch zerbrochen und zerstört wurde: Mit dieser Biografie werden viele Rätsel gelöst und viele Fragen beantwortet. In sachlichem, fast dokumentarischen Stil schildert Frau Ditfurth das Leben und Sterben von Ulrike Meinhof und rührt trotz ihrer nüchternen Sprache immer wieder zu Tränen.
Ein herausragendes Buch. Lesen, und zwar unbedingt und sofort!



