Dienstag, 3. August 2010

Jens Lossau, Jens Schumacher: Der Rebenwolf

In einem kleinen Dorf in den Hügeln zwischen Neustadt und Landau findet ein Liebespaar die grausam zerfetzte Leiche einer jungen Frau. Tillmann Grosch und Frank Passfeller, die beiden Sonderermittler des BKA, entdecken bald eine auffällige Parallele zu einem nie aufgeklärten mysteriösen Mordfall des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Auch damals zerfetzte ein von der Bevölkerung "Rebenwolf" getaufter Serienmörder seine Opfer in charakteristischer Weise. Es ist fast so, als sei der Rebenwolf wieder auferstanden. Die Dorfbewohner sind zunächst verschlossen, doch bald verwirren Gerüchte und die lokalen Polizeikräfte schalten sich ein.

Für eine Kriminalkomödie ist der Mord eigentlich zu grausam, die Spannung zu groß und die Protagonisten psychologisch zu geschickt aufgebaut. Aber es sind gerade diese komödiantischen Elemente, die aus dem Thriller ein Lesevergnügen machen, das seinesgleichen sucht. Auf jeden Fall: Daumen hoch und fünf, nein, doch lieber nur vier Sterne.

"Warum nur vier?" wird der geneigte Leser jetzt vielleicht fragen. Bevor ich diese Frage beantworte möchte ich kurz auf die Metaebene springen und ein paar Worte in eigener Sache verlieren:

Ich schreibe in diesem Blog keine Verrisse. Um einen Verriss zu schreiben, muss man fairerweise ein Buch vollständig gelesen haben. Aber um ein Buch vollständig zu lesen, welches mir keinen Spaß macht, ist mir meine Zeit einfach zu kostbar. Das klingt arrogant, aber ich bin nun einmal kein professioneller Rezensent, der für seine Arbeit bezahlt wird. Ich lese aus privatem Interesse und zu meinem privaten Vergnügen. Und in meinem Blog schreibe ich ein paar Zeilen über die von mir gelesenen Bücher in der Hoffnung, andere Menschen zum Lesen anzuregen. Also schreibe ich hier ausschließlich über solche Bücher, die mir gefallen haben und die ich guten Gewissens weiterempfehlen kann. Dass mir ein Buch beim Lesen Freude gemacht hat, bedeutet aber nicht, dass ich mit jeder einzelnen Zeile einverstanden bin, dass ich jede Seite darin gut finde. Manchmal entdecke ich auch an Büchern die ich mag Schwächen. Und die werden dann auch genannt. Trotzdem mag ich das Buch, sonst hätte ich es ja nicht zuende gelesen und könnte dann hier auch nicht darüber schreiben.

Zurück von der Metaebe: Warum einen Stern Abzug?

  • Man sagt Neustadter und nicht Neustädter. Und zwar nicht nur in der Pfalz. So steht es im Duden (Band 9: "Richtiges und gutes Deutsch") und auch in jeder Zeitung. Das ist kein wirklich schlimmer Fehler, nervt aber jedesmal, wenn man es liest. Und man liest es oft in diesem Buch. Kann passieren, aber bei zwei Autoren und zwei Lektoren hätte es doch irgendwann einmal auffallen müssen. Zumal der veröffentlichende Agiro-Verlag seinen Sitz in eben diesem Neustadt hat.
  • "Die Brandung des tiefblauen Atlantiks" (S. 40) kann sich am gleichförmig-weißen Strand von Mallorca nicht brechen, hat dies auch nie getan und wird es nie tun. Mallorca und damit der Ballermann, auch das "17. deutsche Bundesland" genannt, liegt im Mittelmeer. Selbst wenn ich die Kontinentalverschiebung berücksichtige wird sich Malle eher zum Hochgebirge auffalten als jemals innerhalb der nächst 120 Millionen Jahre vom Atlantik umtost zu werden. Es sei denn, der Meeresspiegel steigt um mindestens 200 Meter und das Mittelmeer wird so zu einem Nebenmeer des Atlantiks. Sicher wurden da einfach die Ferienparadiese Balearen und Kanaren verwechselt, auch das kann beim Schreiben im Eifer des Gefechts vorkommen. Aber irgendwann hätte es einem der Autoren oder einem der Lektoren auffallen können. Nicht wirklich schlimm, aber:
  • In dem hier vorgestellten Buch gibt es starke komödiantische Elemente. Ich nenne es deshalb erst einmal eine Actionkomödie. Actionkomödien kennen wir zum Beispiel aus dem amerikanischen Kino, aber auch in einigen Tatort-Drehbüchern schleicht sich immer wieder ein Eulenspiegel-Augenzwinkern ein. Sie funktionieren besonders gut, das wissen wir spätestens seit "Last Action-Hero", wenn in ihnen ein Element namens "Komödientrottel" auftaucht. Sozusagen der dumme August, der durch seine Tollpatschigkeit den Helden noch strahlender und noch heldenhafter erscheinen lässt. In diesem Roman gibt es eine Menge Komödientrottel. Genau betrachtet treten hier sämtliche Beamte der Neustadter Polizeiinspektion als schlagstockschwingende, wichtigtuerische Dumpfbatze auf, ganz so, als seien die Polizistenkarikaturen aus Gerhard Seyfrieds Büchlein "Freakadellen und Bulletten" von 1979 zu neuem Leben erwacht. Ich finde dieses Klischee nicht mehr zeitgemäß. Ich hatte vielfach die Gelegenheit, Polizisten kennen zu lernen, auch solche aus Neustadt. Und zwar sowohl auf privater wie auf beruflicher Ebene. Ich kann den Autoren versichern, dass die von Ihnen gezeichnete Charakterisierung mit der Realität nichts zu tun hat. Sie taugen deshalb nicht einmal als Karikaturen, denn diese überzeichnen bekanntlich Realität, und haben somit immer noch etwas mit Realität zu tun. Polizisten von heute sind erstklassig ausgebildet, hochprofessionell und werden dafür leider viel zu schlecht bezahlt. Sie halten jeden Tag buchstäblich für uns den Kopf hin, und ich finde, dass sie es einfach nicht verdient haben, derart pauschal der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden. Auch nicht in einer Actionkomödie.

Also einen Stern Abzug, aber das ist sicher auch Geschmacksache.

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