Donnerstag, 18. November 2021

Dr. med. Carola Holzner: Eine für alle

Als Notärztin zwischen Hoffnung und Wirklichkeit

Da steht sie auf dem Buchcover: Im grünen Arbeitskittel der Ärzte und den klaren Blick auf die Kamera gerichtet, ein Stethoskop als Attribut ihrer Zunft lässig um den Hals geschlungen, die tätowierten Arme entschlossen vor dem Oberkörper verschränkt. Ein Bild, dass man so auch auf Instagram oder einem anderen Social Media-Kanal veröffentlichen könnte. Und das ist kein Zufall: Dr. Holzner veröffentlicht seit einiger Zeit kurze Videoclips aus dem Alltag einer Notärztin. So wurde sie als "Doc Caro" bekannt und erreichte eine erstaunliche Reichweite. 

Erstaunlich?

Wenn man bedenkt, welch direkte Sprache sie für ihre sehr klaren Botschaften verwendet, dann ist das in der Tat erstaunlich. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und nutzt ihre Reichweite, um uns die unbequeme Wahrheit um die Ohren zu hauen: "Mach mit deinem Körper dieses und jenes, dann hat das Folgen, und die sehen so und so aus. Nicht "vielleicht", sondern "ganz sicher". Und am Ende landest du bei mir im Notarztwagen, und das hat unappetitliche Konsequenzen. Dann muss ich nämlich folgendes mit deinem Körper machen..." Manchmal braucht es einfach klare Worte.

In ihrem Buch lässt sie aber auch die menschliche Seite ihres Tuns nicht aus. Sie schildert in berührender Weise, was das mit dem Menschen Carola Holzner macht, wenn sie einen Patienten verliert. Oder wenn sie andere Missstände bemerkt, gegen die sie letzten Endes nichts ausrichten kann. 

Nur so viel: Ich musste mir mehrfach beim Lesen dieses Buchs feuchte Augen verkneifen, fühlte mich auch ertappt und habe prompt alte Gewohnheiten über Bord geworfen. 

Ein gutes und wichtiges Buch! Lesen!

Sonntag, 24. Oktober 2021

Jean-Yves Ferri, Didier Conrad: Asterix und der Greif

In diesem 39. Abenteuer unserer Gallischen Helden wird's exotisch. Nachdem in den vergangenen 38 Bänden bereits die ganze bekannte Welt der Antike (und noch etwas mehr) abgeklappert wurde, geht es jetzt ganz weit in die Steppen Mittelasiens. Dort lebte das Volk der Sarmaten, über die man heute fast keine gesicherten Erkenntnisse besitzt. Das eröffnet Raum für phantastische Spekulationen. 

So schicken sie in dieser Geschichte, den Amazonen gleich, ihre Frauen in den Kampf und die Männer hüten derweil die Kinder und das Haus. Allein diese bemerkenswerte gesellschaftliche Konstellation ist schon für sich genommen Stoff für so manch komische Situation, doch auch die...
Augenblick mal! Das Heft hat ja nur 48 Seiten, ich erzähle hier also die Handlung nicht an.

Der Asterix-Stern ist noch nicht erloschen, er leuchtet vielmehr wieder etwas heller. Das neue Autorengespann arbeitet, obwohl durch den Atlantik getrennt, Hand in Hand zusammen. Es entsteht eine stimmige Handlung aus dem Asterix-Universum. Lieb gewordene Stereotypen werden weitergesponnen, neue entwickelt. Auch auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen wird, wie immer mit ironischem Augenzwinkern, gerne geschossen. Monsieur Conrad zeichnet ganz im Stil der Erfinder der Reihe, doch scheinen mir seine Entwürfe durch ungewohnte Perspektiven etwas dynamischer zu sein als die Originale. Auch die gezeichneten Landschaften wirken auf mich etwas opulenter und fast plastisch. Es wird ein eigenständiger Zeichenstil erkennbar, ohne dass Conrad zu sehr vom Vorbild abweicht. Mir gefällt das sehr gut.

Sehr zu empfehlen!

Lesen, und zwar unbedingt und sofort!

Montag, 18. Oktober 2021

Beate Knappe: Bestandteil


Stück vom Ganzen

Frauen in Chemnitz/DDR

Wie war das noch, im Jahr 1990 in Deutschland? Die Mauer war gefallen, der Ostblock und damit der Kalte Krieg lösten sich langsam auf. Wir alle waren besoffen vor Glück. Es gab sie noch, die DDR. Selbstbewusst wählte man im zweiten deutschen Staat eine demokratisch legitimierte Regierung, trug die Mauer und den Todesstreifen ab und benannte Karl-Marx-Stadt wieder in Chemnitz um. Es war noch nicht abzusehen, wie klein das Zeitfenster für eine Wiedervereinigung Deutschlands sein würde, wie groß die Sachzwänge und wie begrenzt die Handlungsoptionen. Es herrschte Aufbruchstimmung!

Die junge, aber in der Reportagefotografie durchaus erfahrene Fotografin Beate Knappe reiste ins zweite Deutschland, um dort das Leben von Frauen zu dokumentieren. Hier wurde schließlich längst gelebt, was im Westen noch lange nicht in jedem Bereich selbstverständlich war: Gleichberechtigung. Aber stimmte das wirklich? Beate suchte Frauen an ihren Arbeitsplätzen auf, aber auch im Privaten. Die skeptische Sichtweise der Fotografin wird bereits auf den ersten Bildern deutlich: Bald findet sich das Bild einer Eingangstüre zu einer erotische (pornografischen?) Video-Show, dann ein sauber aufgeräumter Büroarbeitsplatz mit einem großen Frauenaktbild an der Wand. Das Poster ist nicht unbedingt geschmacklos, aber heute würde man mit Sicherheit daran Anstoß nehmen. Es folgen zahlreiche, einfühlsame Fotografien von Frauen in den verschiedensten Situationen. 

Ich halte dieses Buch für ein besonders gelungenes Dokument der Zeitgeschichte. Man sollte immer im Kopf behalten, dass es ihn einst gab, diesen zweiten deutschen Staat, in dem so vieles gleich war, und doch vieles so unterschiedlich. 

Leider nur noch antiquarisch zu erhalten. Wem sich die Gelegenheit bietet: Zuschlagen! Ein gutes und wichtiges Buch.