Samstag, 8. Oktober 2011

Heinrich Steinfest: Die Haischwimmerin

"Fußball ist eine Krankheit, die über die Welt gekommen ist. Die Eleganz, die Grazie, die Intelligenz dieses Spiels ist ein Gerücht, das sich tagtäglich im Fernsehen als bloßes entlarven lässt. Es braucht auch nicht zu verwundern, dass selbst hochbezahlte Profis sich am Spielfeld und anderswo auf die schändlichste Weise benehmen und vor aller Augen Tätlichkeiten begehen. Das Begehen dieser Tätlichkeiten stellt ja den Sinn dieses Sports dar, wie die dauernden strukturgebenden Unterbrechungen beweisen. Die Spieler einer Mannschaft sind weniger auf das eigene Spiel konzentriert, das eigene Ballvermögen, als auf die Behinderung des Spielflusses des Gegners. Sogenannte geniale Spielzüge, Doppelpässe, Dribbeleien, famose Sturmläufe etc. sind ein Begleitprodukt, ein aus dem Handlungszwang der ballbesitzenden Mannschaft resultierendes Ornament. Die eigentliche Aktion allerdings geht immer von jenem Team aus, welches sich eben nicht im Ballbesitz befindet. Wenn ein Tor entsteht, dann dadurch, daß ein angreifender Spieler nicht rechtzeitig gefoult wurde. Die einzige Raffinesse besteht im Fußball darin, Gemeinheiten zu begehen, sich aber nicht erwischen zu lassen, beziehungsweise vorzutäuschen, Opfer einer solchen Gemeinheit geworden zu sein. Fußball spiegelt die leidenschaftlich-kriminelle Verankerung des Menschen wider."

Lilli Steinbeck, die schöne Polizistin mit der Klingonennase ist wieder da. Also eigentlich war sie immer schon da, war aber in dem bizarren Krimiuniversum des Herrn Steinfest zeitweise nicht sichtbar. Gerüchten zufolge wurde sie entführt und gefangen gehalten. Folgerichtig beginnt der Roman auch in weit zurück liegender Vergangenheit. Er klärt uns darüber auf, wie Lilli zu ihrer beeindruckenden Gesichtsverformung und zu einer weiteren, ebenso schlecht heilenden wie unsichtbaren Verwundung gekommen ist. Diese Vorgeschichte verbindet sich über einen großen, mehrere Jahrzehnte umfassenden Bogen mit der Gegenwart der Romanhandlung. Ivo, ein früherer Freund und Liebhaber Lillis, ist inzwischen ein Baumpfleger. Eine international anerkannte Koryphäe auf seinem Gebiet, der in der Regel seinen Pfleglingen nicht mit Säge und Axt zu Leibe rückt, sondern mit der puren Überzeugungskraft des gesprochenen Wortes. Er verständigt sich mit seinen Patienten, überredet sie, in eine andere als die den Straßenbau behindernde Richtung zu wachsen, erklärt ihnen die Notwendigkeit der Abwehr von Schädlingen oder Ähnliches. Wegen dieser besonderen Fähigkeit erhält er einen geheimnisvollen Auftrag, der ihn in die Weiten Sibiriens führt. Dort soll er eine besondere Lärche suchen und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln nach Europa bringen. Doch er findet weit mehr: Gemeinsam mit Ivo tauchen wir als Leser ein in ein surreales Science-Fiction-Szenario. Immer wieder fühlt man sich als Leser versetzt in Welten, wie man sie aus Filmen wie Blade-Runner oder Matrix kennt, belgische Comichelden fügen sich in die Erzählung ebenso selbstverständlich ein wie eine sibirische Suppenschamanin. Als Soundtrack empfiehlt sich amerikanische Minimalmusic (John Adams: Short Ride in a fast Machine) und gereicht wird hierzu ein Pilzgericht aus Amanita muscaria. So sieht's aus!

Auf jeden Fall lesen, aber vorher unbedingt anschnallen!

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