Freitag, 29. April 2011

Sineb El Masrar: Muslim Girls

Wer wir sind, wie wir leben

Irgendwie habe ich es ja immer schon geahnt: Hatice, Ayla, Amira und Fatme sind gar keine Außerirdischen. Auch Gürhan, Erkan, Erdal und Mustafa sind uns gar nicht so fremd, wie immer behauptet wird. Die kommen nicht von einem anderen Planeten, sondern nur aus einem anderen Land. Viele von ihnen, inzwischen sogar die Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime, kommen sogar aus Deutschland. Ja! Haltet Euch fest: Die sind hier geboren, aufgewachsen und sozialisiert worden. Sind mit uns zur Schule gegangen und kennen die Heimat ihrer Großeltern nur noch aus dem Sommerurlaub. Es sind Deutsche. Und ihr Wertesystem unterscheidet sich mehrheitlich kaum von unserem, auch wenn dies von Politikern und Journalisten oft ignoriert oder gar geleugnet wird. Sie haben tatsächlich die gleichen Wünsche und Hoffnungen wie die meisten anderen Menschen in Deutschland auch.

Muslimische Frauen sind in der Regel ebenso wenig die unterdrückten, zwangsverheirateten Wesen, die noch immer in unseren Köpfen herumgeistern, wie muslimische Männer mehrheitlich keine wahnsinnigen Selbstmordattentäter mit Sprengstoffweste sind. Diese Bilder haben mit den hier lebenden, durch den Islam geprägten Menschen so viel zu tun wie die Scheiterhaufen der spanischen Inquisition mit modernen, aufgeklärten Christen des 21. Jahrhunderts.

"Aber es gibt doch auch..." höre ich da hinten jemanden dazwischenrufen. Ja! Auch! Betonung bitte auf "auch"! Schließlich gibt es auch den Ku-Klux-Klan. Und mit dem möchte man als Christ doch auch nicht in einen Topf geworfen werden. Das musste einfach einmal gesagt werden! Und Frau El Masrar sagt es mit viel klügeren Argumenten als ich es hier tue. Auf durchaus auch unterhaltende Weise und ohne erhobenen Zeigefinger klärt sie in diesem Buch auf über das Leben der jungen Generation Muslime in Deutschland. Sie tut dies vor allem aus ihrer, der weiblichen Perspektive. Dennoch ist das Buch auch für Männer lesenswert und lehrreich. Ein wichtiges Buch, das ich uneingeschränkt empfehlen kann.

Freitag, 22. April 2011

Elke Heidenreich, Quint Buchholz: Nero Corleone kehrt zurück

Isolde kehrt eines Tages nach Italien zurück. In dem alten Ferienhaus möchte sie nun für eine Weile leben. Erinnerungen werden wach. Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit mit Robert, mit dem sie immer noch befreundet ist. Wehmütig denkt sie an den Straßenkater Nero, der ihr so ans Herz gewachsen war und der eines Tages einfach nicht mehr aufgetaucht ist, als sie mit Robert zurück nach Deutschland gefahren ist. Sie richtet sich häuslich ein, und nach und nach geschehen Dinge, die sie als kleine Wunder empfindet.

Nach langen Jahren des Wartens hat Frau Heidenreich nun eine Fortsetzung ihres Bestsellers um den schwarzen Kater mit der weißen Pfote geschrieben. "Endlich!" möchte man ausrufen. Ganz im Stil eines Kinderbuches erzählt sie eine Geschichte vom alt werden und von gereifter Liebe zwischen Menschen, die sich eigentlich nicht mehr überraschen können. Es ist eine leise Geschichte, die ganz unspektakulär die Gefühle und Beziehungen ihrer Akteure beschreibt. Und weil Frau Heidenreich das so einfühlsam schreibt, liest man diese schöne Geschichte in einem Rutsch, erfreut sich an den Illustrationen von Quint Buchholz und wundert sich schließlich, dass das Buch schon vorbei ist. So kurzweilig ist es.

Unbedingt lesen!

Und wer den ersten Teil noch nicht kennt, der sollte sich was schämen!

Sonntag, 17. April 2011

Christoph Koch: Ich bin dann mal offline


Ein Selbstversuch - Leben ohne Internet und Handy

Als nach einem Umzug der Neuanschluss der DSL-Leitung zunächst nicht klappen will, kauft der Autor sich einen zur damaligen Zeit noch sündhaft teuren USB-Stick, um über das Mobilfunknetz endlich wieder Emails auf seinem Laptop empfangen zu können. Als er die Anschlussgebühr und die  anschließende Monatsabrechnung zusammenaddiert, wird ihm erst klar, dass er um ein paar Tage Verzögerung bei der DSL-Versorgung zu überbrücken rund 600,- € auszugeben bereit war. Und zwar ohne zu zögern.
Er beginnt, sein Online-Verhalten in Frage zu stellen und entwirft einen Selbstversuch: Was wäre, wenn man seinen Internetanschluss und sein Mobiltelefon eines Tages einfach ausgeschaltet ließe? Er beschließt, dies für vier Wochen auszuprobieren und eine digitale Fastenzeit einzuhalten.

Mit einer Kollegin tausche ich hin und wieder Bücher aus: "Kennen sie das schon?" oder "Das müssen Sie unbedingt lesen!" sagen wir uns schon lange nicht mehr. Wir legen uns einfach gegenseitig stapelweise Bücher auf den Schreibtisch oder ins Postfach. Der mit Lesevorschlägen beglückte nimmt sich den Stapel mit nach Hause und liest, was immer er von dem Stapel lesen möchte. Gelegentlich unterhalten wir uns über die gelesenen Bücher, so bekommen wir langsam ein Gespür für die Lesevorlieben des jeweils Anderen. Schön!

Dieses Buch passte allerdings so gar nicht zu den bisher von der Kollegin geliehenen Büchern. "Ein Sachbuch?" nörgelte mein Hippocampus. "Es wurde doch bisher immer Belletristik gereicht! Krimis und Romane der spannenden und fesselnden Sorte!" quengelte der innere Schweinehund. Widerwillig legte ich es auf den "Noch zu lesen"-Stapel, der in meiner Küche bedenklich schwankend in Richtung Zimmerdecke wächst.  Gerade für mich, der ich gegenüber meinen Schülern gerne die Behauptung aufstelle, ich sei schon internetsüchtig gewesen, noch bevor sie lesen und schreiben konnten, stellt der Inhalt dieses Selbstversuchs eine an die Flagellanten des Mittelalters erinnende Form von Sektierertum dar.

Inzwischen habe ich es gelesen, "in mich hineingefressen" möchte ich sagen. Der unterhaltsam geschriebene Bericht hat mich von Anfang an in seinen Bann gezogen, die in kleinen Häppchen eingestreuten Sachinformationen wurden vom Autor sorgfältig in die Chronologie der Handlung eingeflochten. Hier wird eben nicht nur die Geschichte eines Entzugs erzählt, ich lernte auch noch, ihn durch die Brille verschiedener Fachwissenschaften zu verstehen. Im Spiegel dieses Buches begann ich, mein eigenes Online-Verhalten kritisch zu beobachten. Ich erkannte, dass es sich lohnen kann, hin und wieder eine Email nicht sofort zu beantworten oder das Mobiltelefon nicht nur stumm zu schalten, sondern es gänzlich auszumachen und zuhause zu lassen.

Dieses interessante und extrem nützliche Buch jetzt hier in meinem Bücherblog zu loben, erscheint mir allerdings schon etwas widersinnig, aber was soll's: Lesen!

Donnerstag, 14. April 2011

Harald Schneider: Räuberbier


Beim Besuch eines Freundes in einer Brauerei fällt Hauptkommissar Reiner Palzki ein Toter fast buchstäblich vor die Füße. Genauer gesagt war der Angestellte eigentlich erst tot, als er damit aufgehört hatte, vom 34 Meter hohen Gärtank der Eichbaum-Brauerei herunter zu fallen. Palzki vermutet sofort, dass der Mann nicht freiwillig gefallen ist. Er beginnt, sich von den Örtlichkeiten ein umfassendes Bild zu machen und erste Spuren zu sichern. Doch sehr zum Verdruss des gewieften Ermittlers glauben die zuständigen Kollegen aus Baden-Würtemberg an Suizid. Das Jahresende ist nahe, und man will sich die Statistik nicht mit einem ungeklärten Mordfall verderben. Palzki kann zunächst nichts machen, die Brauerei steht in dem für ihn falschen Bundesland.
Doch bald gibt es auch in seinem Zuständigkeitsbereich einem Toten. Hier lassen die Umstände keine andere Schlussfolgerung zu: Mord! Nach und nach werden Querverbindungen zwischen den beiden Todesfällen sichtbar, und endlich kommen die Untersuchungen in Gang. Auch dieses Mal wird es für Palzki wieder lebensgefährlich.

Auch in diesem fünften Band der Reihe um den Schifferstadter Polizisten kommen komödiantische Elemente nicht zu kurz: Palzkis hingebungsvolle Liebe zu Junk-Food, seine Unfähigkeit, seinen Sohn an der Spielekonsole zu besiegen, die zickig-pubertierende Tochter (Ja! Die sind so!) und der nervtötend-eitle Chef kitzeln das Zwerchfell. Auch das von Personalmangel gebeutelte Gesundheitswesen und den übereifrigen Praktikanten in der Polizeiinspektion überzeichnet Herr Schneider karikaturhaft und bringt den Leser so immer wieder zum Schmunzeln. Trotzdem ist die Krimihandlung logisch aufgebaut und überaus spannend. Wie es sich für einen guten Krimi gehört, gibt es zwischendurch immer wieder Hinweise zum Mitknobeln, aber eben gerade so viele, dass man nicht zu früh auf die Lösung kommt. Ich habe den Eindruck, dass Herr Schneider die Krimi- und die Komödienelementen schärfer voneinander abgrenzt als früher: Wenn es spannend sein soll, dann ist es spannend - und wie, und wenn es lustig sein soll, dann ist es lustig. Mir gefällt das sehr gut. Abgerundet wird dieses schöne Buch durch einen dicken Anhang, aus dem andere Autoren gleich noch einen Schmöker machen würden.

Möge Räuberbier noch viele krimidurstige Leser finden.

Lesen!